Die Gesellschaft im Sinne von Tönnies.
267
Gegensag zwischen kriegerischen Nomaden und Ackerbauervölkern mit
bürgerlichen Tugenden. Neben den persönlichen Unterschieden sind
auch solche der Kultur zu beachten: alle höhere Kultur ist tatsächlich bis
heute mit dem Klassenwesen verbunden und hat nur durch dieses die
wirtschaftlichen Grundlagen für seine höheren geistigen Güter schaffen
können. Wie sich hierbei die Bilanz von Licht und Schatten gestaltet,
diese Frage lassen wir hier auf sich beruhen; ebenso die Frage, ob ein
anderer Weg zur Erreichung desselben Zieles möglich gewesen wäre oder
für die Zukunft möglich sein wird. In Frage steht hier vielmehr nur das,
was man die immanente Teleologie des Machtverhältnisses nennen kann,
also die Frage nach den fördernden Wirkungen der tatsächlich einmal
hestehenden Verhältnisse. Anderseits hat man für die mit dem Klassen-
wesen verbundene Benachteiligung einzelner Teilgruppen wohl mit Recht
auf den dadurch bewirkten Gewinn an Erhaltungskraft nach außen hin-
gewiesen!) : eine Benachteiligung, ja geradezu eine teilweise Lähmung ein-
zelner Teilgruppen kann in der Tat, indem nur der Wille zur kollektiven
Selbsterhaltung die Verhältnisse bestimmt, die kriegerische Kraft in ge-
wissen Grenzen erhöhen.
Das Anerkennungsverhältnis endlich erscheint nach sei-
nem Sinn und Gehalt in ganz verschiedener Beleuchtung je nach der Kon-
trastierung. Gemessen an der Wärme des Gemeinschaftsverhältnisses
läßt es mit seiner Kühle und Distanz den Einzelnen die ganzen Schrecken
des Alleinseins fühlen. Gemessen dagegen am Kampf- und Machtverhält-
nis erscheint Vertrag und Recht als die segensreiche Himmelstochter, die
Ruhe und Sicherheit, Schug und Ordnung gewährt und ein gefestetes
Dasein erst ermöglicht. Besonders mit seiner Sicherheit erscheint das
Anerkennungsverhältnis als rettende Insel in dem Meere der Macht- und
Kampfverhältnisse, die den Einzelnen zu verschlingen drohen. Es steht
darin dem Gemeinschaftsverhältnis gleich, das besonders in der Form
der Liebesgemeinschaft der Familie gerade für Macht- und Kampfnaturen
eine fast unentbehrliche Ergänzung zu bilden scheint; nur daß das An-
erkennungsverhältnis entsprechend ähnliche Wirkungen viel größeren
Kreisen auf der Stufe höherer Kultur zu gewähren vermag. Jedenfalls
ist, wie schon früher betont, jene Sicherheit ein dringendes Lebens-
bedürfnis; und das Anerkennungsverhältnis bildet daher, wo das mensch-
liche Leben einmal aus dem engen Gehege der Gemeinschaft entlassen
ist, eine unentbehrliche Form des Lebens, zu der auch das Macht- und
Kampfverhältnis immer wieder zurückkehren oder die vielmehr das
Machtverhältnis nur vorübergehend, das Kampfverhältnis im allgemei-
nen nur in eingeschränkter Weise durchbricht. Seine bevorzugte oder
1) M üller-Lyer, Phasen der Kultur, München 1908, S. 346 fg.