Die Gesellschaft im Sinne von Tönnies.
271
durchweg ein gemeinschaftsnahes Verhältnis, sofern beide durch die
gemeinsame Sorge um die Gesundheit des Patienten verbunden waren,
während gegenwärtig der Geschäftscharakter in dieses Verhältnis tief eingedrungen
ist.
Auch das Verhältnis der berufsgleichen Menschen zueinander kann
alle vier Grundformen annehmen. Von Haus aus liegt das Gemeinschaftsverhältnis
am nächsten. In den modernen kaufmännischen Kreisen dagegen
ist der Individualismus stark wegen der Bedeutung, die die persönliche
Initiative und die rein persönliche Art des Handelns für den Erfolg
besist; ein Zusammenarbeiten würde hier oft keine gegenseitige
Förderung, sondern Schädigung zur Folge haben. Zum Teil aus denselben
Gründen herrscht der Individualismus auch in den Berufsgruppen
der Künstler und Gelehrten. Dazu kommt hier als weiterer Grund, daß
der Inhalt der Berufstätigkeit selbst das Gemeinschaftsbedürfnis befriedigt,
indem sie eine unpersönliche Gemeinschaft mit dem Gegenstand eintreten
läßt ($ 19,;). Dadurch wird das Gemeinschaftsbedürfnis gleichsam
gesättigt. Umgekehrt läßt der friedliche Charakter der Tätigkeit
den Kampfinstinkt ungestillt, der dann seine Befriedigung findet in den
oft heftigen Fehden der einzelnen Berufsgenossen untereinander. Ähnlich
kann man als eine Art Kompensation auffassen den gehässigen Charakter,
den der Streit der Parteien im kirchlichen Leben so leicht annimmt:
die Nötigung; die Liebesgesinnung fortwährend von Berufs
wegen zum Ausdruck zu bringen, kann leicht zu einer Aufstauung oder
Verdrängung des Kampftriebes führen.
10. Zum Schluß sei noch kurz auf die Frage eingegangen, ob die von
uns betrachteten Verhältnisse wirklich, wie wir eingangs behauptet, der
Klasse der Ordnungsverhältnisse angehören und damit den Tatbestand
der Sinnverbundenheit erfüllen. Drei Bedingungen muß genügt sein,
damit unsere Behauptung zutrifft. Es müssen erstens die persönlichen
Beziehungen zwischen den beteiligten Personen fehlen. Zweitens müssen
diese sich darin einig sein, durch ihr Zusammenspiel ein sinnvolles
Verhältnis herzustellen oder zu erhalten. Und drittens müssen sie die
in ihm waltenden Sinngesege und die sich daraus ergebenden Ordnungsgebote
anzuerkennen bereit sein. Der ersten dieser drei Forderungen
ist in der Tat ohne weiteres genügt: die drei betrachteten Verhältnisse
haben in idealtypisch reiner Ausprägung einen rein sachlichen Charakter,
sind also frei von persönlichen Beziehungen. Es fragt sich also nur noch,
ob die beiden andern Bedingungen erfüllt sind. Betrachten wir daraufhin
zunächst das Anerkennungsverhältnis, so leuchtet bei ihm ihre Erfüllung
sofort ein, wenn wir uns unserer früheren Betrachtungen über das Wesen
des Vertrages ($ 20,,) entsinnen, wonach das Vertragsverhältnis ein sinnvolles
Ganzes ist, das nur durch Kooperation beider Partner geschaffen