Die Soziologie im weiteren Sinn.
Al
2. Die Soziologie als materielle Geschichtsphilosophie.
Hier fragt man nach Entwicklungsgesegen und -formen
sowie der Kausalität der menschlichen Kulturen, mag man die Kultur
im ganzen (z. B. Lamprecht, Breysig) oder mag man die einzelnen
Kulturgüter jedes für sich unter dem angegebenen Gesichtspunkt zergliedern
(z. B. Spencer, Müller-Lyer). Man kann dabei auch von Entwicklungsgesegen
der die Kulturen tragenden Gesellschaften, d. h. der
Stämme und Völker, oder von solchen der Menschheit im ganzen sprechen.
Man kann diese Richtung entweder mehr deduktiv-spekulativ oder mehr
induktiv, aus den einzelnen Wissenschaften schöpfend betreiben. Im
legteren Fall ist sie für eine über den Positivismus hinausgehende Denkweise
grundsäglich berechtigt. Fraglich sein kann nur, ob man Grund
hat von dem alten Namen der (materiellen) Geschichtsphilosophie abzugehen.
3. Die Soziologie als synthetische Wissenschaft
für die gesamten Geisteswissenschaften. Max Weber kann man
hierher rechnen. Ebenso Oppenheimer und Rudolf Goldscheid, die sich
ausdrücklich zu dieser Auffassung bekannt haben. Oppenheimers Untersuchungen
über die Entstehung des Staates und der Bodensperre bewegen
sich tatsächlich auf einem Grenzgebiet etwa zwischen der Nationalökonomie
sowie der Wissenschaft vom Staate einerseits und der Ethnologie
und Wirtschaftsgeschichte anderseits. Ähnlich könnte man Goldscheids
Arbeiten dem Grenzgebiet zwischen Nationalökonomie und Ethik
zuweisen. Indessen derartige Grenzgebiete gibt es überall; und man hat
anderwärts nicht das Bedürfnis empfunden, eines oder mehrere von ihnen
für das Gebiet einer neuen Wissenschaft zu erklären, die zugleich noch
eine ganze Reihe anderer Gebiete und Probleme umfassen soll. Andern
schwebt wohl eine „synthetische“ Erkenntnis der modernen Gesellschaft
und Kultur vor, wobei aber zugleich die ganze Breite der einzelnen Tatsachen
mit aufgenommen werden soll. — An sich ist nicht zu bestreiten,
daß es, auch abgesehen von Grenzwissenschaften, Synthesen von wissenschaftlichem
Wert gibt. Kjellöns Buch „Der Staat als Lebensform“. z. B.
ist eine geniale Synthese verschiedener Problemgruppen. Aber alles
kommt hier auf die persönliche Leistung an. Es braucht sich dann nicht
gleich um eine neue Wissenschaft zu handeln, es kann auch bei einer einzelnen
Leistung sein Bewenden haben. Im übrigen kann die „Synthese“
auch ihr Verdienst haben im Unterricht jeder Stufe (z. B. staatsbürgerlicher
Unterricht, Sexualfragen usw.). Aber dann ist sie Darstellung
nicht Wissenschaft, und meist bloße Enzyklopädie. Die von Becker?) erl)
Becker, Gedanken zur Hochschulreform. Leipzig 1918