Das Kampfverhältnis,
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Selbsthilfe hat eine doppelte Funktion. Sie dient einerseits
zum Abfluß der Leidenschaft, zur Abwehr des Angriffs und zur War-
nung für die Zukunft, anderseits schließt sie den Kampf in bestimmte
Grenzen ein und bewahrt die Gruppe dadurch vor der Gefahr eines
uferlosen Kampfes, der sie zu zersprengen drohen würde. Der Ethno-
loge Heinrich Schug hat diese Einrichtungen (ebenso wie diejenigen, die
ein rauschartiges Austoben nach der sexuellen oder andern Richtung
ermöglichen) mit einem glücklichen Ausdruck als Ventilsitten be-
zeichnet: indem sie dem Strom der aufgestauten Leidenschaft ein festes
Bett zur Verfügung stellen, bewahren sie zugleich das übrige Gebiet des
gesellschaftlichen Lebens vor seinen zerstörenden Wirkungen.
Auf höheren Stufen der Kultur wird die Selbsthilfe zunehmend ein-
geengt durch das staatliche Recht. Indem dabei die leibliche Schädigung
und die Besigwegnahme verboten wird, und an deren Stelle der Staat zu
einer Stellungnahme auf Grund der Rechtsnormen veranlaßt werden soll,
wird der physische Kampf durch einen Rechtskampf ersegt und damit
aus der biologischen Welt in eine ganz andere Sphäre transponiert. Aber
auch jegt bleibt im sozialen Leben noch Spielraum genug für den Schä-
digungswillen übrig. Im ganzen nimmt der Kampf auf höheren Stufen
eher zu als ab. Auf allen Stufen der Kultur bedarf es daher eines
Kampfrechtes und einer Kampfmoral. Da im modernen
Leben der Kampf eine außerordentlich weite Verbreitung gewonnen
hat, so ist gerade in der Gegenwart das Bedürfnis der Regelung für die-
ses Gebiet besonders lebhaft. Mit Recht hat man gesagt, eine der wich-
tigsten Aufgaben unserer Zeit sei die Ausbildung einer Kampfmoral und
eines Kampfrechtes, die den neuen Verhältnissen angepaßt sein müßten.
Wir segen dabei als zugestanden voraus, daß Mäßigung und damit
Regelung des Kampfes für das Gedeihen der Gesellschaft notwendig ist.
In der Tat liegen die schädigenden Wirkungen einer Unter-
lassung der Regelung auf der Hand. Zunächst will man nach dem
Streite wieder in Frieden miteinander leben. Das gilt von Arbeitern und
Arbeitgebern in einer Fabrik so gut wie von zwei Völkern, die mit-
cinander im Kriege stehen. Ein maßloser Kampf aber würde eine tiefe
Erbitterung erzeugen, würde das Vertrauen zerstören und damit alle
Fäden zerreißen; und angeknüpft werden können nur solche Fäden, die
auch während des schärfsten Kampfes nicht ganz zerrissen sind. Dazu
kommt zweitens die Rückwirkung auf das Innere der kämpfenden Gruppe
oder des kämpfenden Individuums: je ungehemmter der Kampf, desto
größer die Gefahr einer Verrohung. Die Zerstörung, die sich zunächst
nach außen wendet, wird auf die Dauer auch vor dem eigenen Genossen
nicht haltmachen; und ähnlich werden bei einem Streite von Teilgruppen
oder einzelnen Personen auch die Zuschauer in Gestalt der übrigen
Vierkandt, Gesellschaftslehre.
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