Full text: Gesellschaftslehre

Drittes Kapitel. 
Die Gruppe. 
Gedankengane. 
Gegenstand dieses Kapitels ist das Eigenleben der Gruppe. Wir behandeln in 
ihm zuerst die Existenz der Gruppenindividualität und die Quellen, aus denen sie 
gespeist wird ($ 27). In dem Geschehen, das sich in der Gruppe abspielt, ist zu 
unterscheiden zwischen jenem eigenen Leben der Gruppe und dem persönlichen Le- 
ben ihrer Angehörigen. Die Doppelseitigkeit, die in der Verbindung dieser beiden 
Geschehensreihen enthalten ist, gehört zur Natur der Gruppe ($ 28). Von der Ein- 
heit der Gruppe darf man sich demgemäß keine übertriebenen Vorstellungen machen: 
sie darf nicht als eine solche vorgestellt werden, die jede Gliederung, Abhebung und 
Selbständigkeit der Individuen ausschließt ($ 29). Unsere Betrachtung gilt jedoch 
programmäßig nur dem Eigenleben der Gruppe. Zunächst betrachten wir dieses nach der 
subjektiven Seite hin, indem wir nach der Natur des Gruppenbewußtseins fragen und 
Jlieses den sonstigen Formen des kollektiven Bewußtseins gegenüberstellen ($ 30). In ob- 
jektiver Hinsicht wird sodann der Lebensprozeß der Gruppe zergliedert, indem unter 
"ormalen Gesichtspunkten eine Reihe einzelner Phänomene untersucht wird, auf denen 
Jer Vollzug des Lebens und die Erhaltung des Daseins der Gruppe beruht. Dahin gehört 
zunächst der Lebensdrang der Gruppe ($ 31), der ebenso real ist wie der Lebens- 
drang der Individuen, und dessen Träger die vereinigten Gruppenmitglieder sind, 80- 
fern sie sich als Einheit der Gruppe fühlen. Weiter gehört hierhin die Tatsache der 
gegenseitigen Hilfsbereitschaft, die übrigens auch außerhalb des Gruppenlebens auf- 
tritt ($ 32). Endlich ist die Existenz einer Lebensordnung als eine weitere Grund- 
;atsache des Gruppenlebens anzuführen, in der die Anschauungen über das für das 
Jedeihen der Gruppe erforderliche Verhalten zu normativen Bestimmungen geron- 
aen sind ($ 33). Damit haben wir die wichtigsten Faktoren für die Erhaltung des 
Daseins der Gruppe isoliert. Was die Art ihrer Wirksamkeit anlangt, so ist zu- 
nächst deren unterbewußter Charakter zu betonen ($ 31), der in ausgesprochenem Ge- 
zensaß zu verbreiteten populären rationalistischen Anschauungen über die grund- 
legende Bedeutung der Furcht und Strafe oder der Religion steht. — Die Lebens- 
ordnung ‚einer bestimmten Art von Gruppe (nämlich der kulturellen Einheit, die im 
modernen Leben wohl als „Gesellschaft“ bezeichnet wird) ist gleichbedeutend mit der 
in ihr herrschenden Moral, soweit die legtere nicht individuellen sondern kollektiven 
Ursprungs ist. Diese Moral ist jedoch nicht die einzige kollektive Moral, die das Ver- 
halten der Gruppengenossen bestimmt; vielmehr sind nach dem Gegenstande, auf den 
;ich das moralische Verhalten bezieht, von Haus aus drei verschiedene Sozialmoralen 
zu unterscheiden . ($ 34)- Für ihre Wirksamkeit ist der Gegensag von Handelnden 
und Zuschauern als von parteiisch und unparteiisch interessierten Personen von 
grundlegender Bedeutung ($ 35). Indem die jeweiligen Zuschauer dabei die objek- 
tive Macht der Gruppe verkörpern, lenken sie unsere Aufmerksamkeit auf die Be- 
Jeutung des objektiven Geistes für das Gruppenleben überhaupt — ein Gegenstand, 
lem wir eine besondere Betrachtung widmen ($ 36). — Unsere ganzen bisherigen
	        
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