Full text : Gesellschaftslehre

Der Idealtypus der Gruppe und ihr Eigenleben. 323
lich nicht bestritten, daß nicht auch umgekehrt jedes Mitglied, sei es
auch nur in der bescheidensten Form, seinen Beitrag zur Umgestaltung
der Gruppe seinerseits liefert. — Das Individuum faßt ferner die
Gruppe als solche auf, mindestens gefühls- und willensmäßig,
auch wenn sich diese Auffassung noch nicht bis zu eigenen Vorstellungen
über die Gruppe erhoben hat. Auch wenn das Individuum nichts weiß
von der Geschichte und den Taten seiner Gruppe, so empfindet es doch
wenigstens eine gegen einen seiner Genossen gerichtete Beleidigung
als eine Beleidigung der Gruppe und eine Bewunderung der gemeinsam
veranstalteten Tänze durch Fremde als eine der Gruppe widerfahrende
Ehre.

In den übrigen Individuen findet der Einzelne in erster Linie
seine Gruppe verkörpert. Seine soziale Umgebung faßt er auf
nicht als eine Reihe von Personen, sondern als ein in Individuen gezliedertes
 Ganzes. Und zwar geschieht dies kraft einer angeborenen
Anlage. Es ist zwar dem Menschen ganz allgemein eigen, seine Umgebung
 nicht als eine Summe einzelner Dinge zu erleben, sondern sie zu
gegliederten Ganzheiten zu vereinigen. Aber welche Einheiten dabei gebildet
 werden, das hängt im Einzelfall von weiteren Faktoren ab. Daß
hier eine Reihe einzelner Menschen als die Einheit einer Gruppe aufgefaßt
 wird, ist also aus einer weiteren spezifischen Anla ge
des Menschen abzuleiten, der nach seiner Natur für die Gruppe bestimmt
ist und nur in der Gruppe sein Leben erfüllen kann. Auch anderen
Gruppen gegenüber verhält sich der Einzelne kraft dieser Veranlagung
ganz entsprechend, indem er auch dort in den einzelnen Personen stets
die Gruppe erblickt; und umgekehrt wird auch die eigene Gruppe von
Fremden in der gleichen Weise als Einheit aufgefaßt. Die Gruppe ist
demgemäß für die menschliche Auffassung eine letzte Einheit, also
eine soziale Kategorie, die Auffassung der sozialen Wirklichkeit
 mittels dieser Kategorie eine legte nicht weiter ableitbare Tatsache,
also ein Urphänomen, das sich zunächst auf dem emotionalen und volitionistischen
 Gebiet und später auch auf dem der Vorstellung entfaltet.
Die einzelne Person erscheint also ihren Genossen als Verkörperung
 der Gruppe: als Träger der Gruppenqualität und Glied der Gruppe
oder gleichsam als mit dem Gruppencharakter durchtränkt und an ihm
leilhabend. Es wäre zwar übertrieben zu behaupten, daß die Persönlichkeit
 im Einzelnen überhaupt nicht erfaßt wird. Aber sie ist ein Gegenstand
 zweiter Ordnung. In der Gesamtauffassung überwiegt bei weitem
die Gruppe die Individualität: der einzelne erscheint als individuelle
Modifikation der Gruppensubstanz. Jeder Mensch bedeutet für den
Gruppenangehörigen nur solange etwas, als er im Zusammenhange der
Gruppe steht. Der Einzelne wird als Genosse aufgefaßt unbeschadet der
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.