Full text: Gesellschaftslehre

Der Idealtypus der Gruppe und ihr Eigenleben. 
hänger der Oppositionspartei zeigt, wenn sie in jenes aufgenommen 
werden. 
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Vorzüglich klar erscheint dieser objektive Charakter der Gruppe in dem Gegen- 
sat von Handelnden und Zuschauern, dessen Bedeutung für die Erhaltung der Sitte 
und Sittlichkeit wir später ($ 35) ausführlich erörtern werden. Die Befolgung einer 
Sitte wie der Blutrache beruht im allgemeinen nicht auf bloßer Neigung der Han- 
delnden (hier der Rachsucht), sondern mutet ihnen eine gewisse Selbstüberwindung 
zu. Die Sitte tritt also als eine Forderung an sie heran, und zwar üben die übrigen 
Gruppengenossen, die sich in der Rolle des Zuschauers befinden, einen Druck auf 
ihre Befolgung aus. Sie tun dies aber nicht vermöge ihrer besonderen persönlichen 
Eigenschaften, sondern weil sich vermöge der Situation die Macht der Sitte in ihnen 
verkörpert. Von denjenigen, die heute fordern, kann morgen einer in die Lage 
kommen, seinerseits unter dem Druck der Übrigen zu stehen und dann widerstrebend 
aachzugeben. Es ist also klar: nicht die Personen, sondern der Zusammenhang, in 
den sie hineingestellt werden, die Rolle, die sie spielen, ist für ihr Verhalten maß- 
gebend. Was also die Sitte aufrechterhält, sind nicht Personen als solche, sondern 
sind bestimmte Rollen oder Funktionen, die an einem bestimmten „Ort“ des sozia- 
len Ganzen mit innerer Notwendigkeit, d. h. kraft eines „objektiven“ Wirkungs- 
zusammenhanges, gespielt oder ausgeübt werden. 
In anderen Fällen bekundet sich der objektive Charakter der Gruppe als Macht 
der Situation über den Menschen. Man muß sich dabei erinnern, daß der Mensch 
seiner Natur nach ein reaktives Wesen ist, daß also insbesondere auch gewisse gesell- 
schaftliche Situationen eine innere Nötigung für ihn mit sich bringen, in bestimmter 
Weise auf sie zu reagieren. So wird sich ein Gutsbesitjer, der als Naturfreund große 
Summen für den Naturgenuß ausgeben mag, gleichwohl an der Ausrottung der Korn- 
olumen im Getreide oder der Blumen auf den Wiesen nach Kräften beteiligen, auch 
wenn der verheißene Gewinn verhältnismäßig gering ist, lediglich weil das herr- 
schende Wirtschaftssystem die Ökonomie als ein wesentliches Prinzip in sich ent- 
hält und der moderne Mensch angesichts der Sachlichkeit unserer ganzen Kultur rein 
innerlich nicht umhin kann, in dem Zwecksystem des Wirtschaftens oder in seiner 
Rolle als wirtschaftlicher Mensch dieses System bis in alle Konsequenzen durchzuführen. 
Der höchste Grad von Objektivität aber ist da erreicht, wo ein Gebilde auch 
von der dauernden Stimmung der Gruppe auf absehbare Zeit in seiner Existenz un- 
abhängig ist — wo sich ein Objektivgebilde also auch dann behauptet, wenn eine 
allgemeine Mißstimmung ihm gegenüber oder eine allgemeine Überzeugung von schwe- 
ren mit ihm verbundenen Übeln überall herrscht. So kann in einer Gesellschaft 
die kapitalistische Wirtschaftsform auch dann bis auf weiteres bestehen bleiben, wenn 
die Überzeugung von ihren schweren Schattenseiten weit verbreitet ist, einfach des- 
wegen, weil es nicht möglich ist. an ihrer Stelle eine neue einzuführen. 
Die Gruppe steht also ihren Angehörigen als ein objektives Wesen 
zegenüber. Man kann von einem eigenen Geist der Gruppe 
sprechen als einem Inbegriff von relativ beharrenden Eigenschaften, Zu- 
ständen und Verhaltungsweisen, die vom Wechsel der Individuen relativ 
unabhängig sind. Das ganze persönliche Leben der Gruppenmitglieder 
erweist sich zunächst als von ihm durchtränkt. Überdies führt die Gruppe 
aber noch ein Eigendasein, wobei sie den gleichen einheitlichen Geist 
zeigt. Familien und Staaten, Regimenter und Vereine haben ihre Eigen-
	        
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