Full text: Gesellschaftslehre

Der Idealtypus der Gruppe und ihr Eigenleben. 331 
Geltungen, soweit solche in Frage kommen; anderseits als ein System 
von Regelmäßigkeiten und Zusammenhängen des Geschehens, als ein ein- 
heitliches kausales Zwecksystem. Die Gruppe ist für sie nur der „histo- 
rische Ort‘, an dem ihre Lebensprozesse sich vollziehen, während der 
„systematische Ort“ dafür das betreffende Objektivgebilde selbst ist. 
Anders ausgedrückt könnte man sagen: ihre Lebensprozesse vollziehen 
sich im Objektivgebilde an der Gruppe. 
Nur mittelbar vom Menschen abhängig ist endlich die zweite 
Form des unpersönlichen Typus der Objektivgebilde, die materielle 
Projektion. Diese besteht in materiellen Niederschlägen des seelisch- 
zeistigen Lebens der Gruppe wie Tempeln, Palästen, Staatsbauten, Ver- 
einshäusern und anderen Gebilden materieller Art. Alles schriftlich 
Fixierte gehört hierhin, soweit solche materiellen Niederschläge wirklich 
vom Geist der Gruppe durchdrungen sind und nicht bloße individuelle 
Objektivgebilde darstellen; ebenso mit derselben Einschränkung alle 
Arten von Symbolen aus der Welt des Krieges oder der Religion, des 
Staates und der Familie, wie Orden und Fahnen, Altäre und Kronen, 
Amtstracht und Ehering. „Manches Regiment verlor seinen Zusammen- 
halt, sobald seine Fahne geraubt war, vielerlei Vereinigungen lösten sich 
auf, als ihre Palladien, ihre Laden, ihre Grale zerstört wurden.‘ (Sim- 
mel, Soziologie S. 524.) — Inwiefern können von diesen Gebilden ähn- 
liche Wirkungen wie von Personen ausgehen, wie wir dies eingangs be- 
hauptet haben? Es handelt sich vor allem um starke Gefühlswirkungen. 
[n einer Fahne verkörpert sich der Ruhm eines Regimentes ebenso, wie 
aus einer Krone der ganze Gehalt des Herrscheramtes oder aus einem 
Ehering derjenige einer Ehe sprechen kann. Zu den stärksten Gefühls- 
wirkungen sind diese Gebilde deswegen befähigt, weil sie das Leben der 
Gruppe fortgesegt begleiten und so alle Gefühlserlebnisse in sich auf- 
speichern. Sie können zugleich stärkere Gefühlswirkungen als mensch- 
liche Wesen ausüben, weil sie nur diese eine Funktion haben. Der 
Führer eines ruhmreichen Regimentes wirkt in den verschiedensten Zu- 
sammenhängen auf seine Umgebung und zeigt sich dabei von den ver- 
schiedensten Seiten, während die Fahne nur von Kampf und Sieg zu er- 
zählen weiß. An den religiösen Emblemen hat Durkheim in einer fein- 
sinnigen Studie die hier angedeutete Funktion in lichtvoller Weise ana- 
iysiert!). Neben den Gefühlswirkungen können auch starke Einflüsse 
auf den Willen und die Ideen der Gruppe von diesen Objektivgebilden 
ausgeübt werden. In allen diesen Beziehungen erweisen sie sich also 
gleich den übrigen Arten der sozialen Objektivgebilde als wirkende Kräfte 
innerhalb der Gruppe. 
) Durkheim, Les formes €lementaires de la vie religieuse S. 330.
	        
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