Full text: Gesellschaftslehre

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Die Gruppe. 
Universalismus die Erfahrung, daß die Einzelnen durchaus nicht immer 
bloße Werkzeuge einer fertigen sozialen Einheit sind, sondern ihrerseits 
diese in geringerem oder stärkerem Grade zu beeinflussen und zu ge- 
stalten vermögen. Aber auch dem Individualismus muß man vorhalten, 
daß er seine Auffassung nicht aus der Erfahrung zu begründen vermag. 
Denn die von ihm vorausgeseöten fertigen und abgeschlossenen Indivi- 
duen, d. h. Individuen, die für das soziale Zusammenspiel von vornher- 
ein eine abgeschlossene Natur mitbringen und diese in ihm wirken lassen, 
sind uns in keiner Erfahrung gegeben. Vielmehr zeigt diese umgekehrt, 
wie jedes Glied der Gruppe von Anfang an von dieser geformt und ge- 
staltet wird bis in die feinsten Verzweigungen seiner Persönlichkeit hin- 
ein ($ 16 und 17). Es besteht also die Gefahr, daß wir uns mit der 
Erklärung der Gruppe aus der Natur der Individuen im Kreise drehen. 
Daß diese Gefahr ausgeschlossen ist, kann der Individualismus jedenfalls 
nicht beweisen. Insbesondere hat in dieser Beziehung die phänomeno- 
jogische Zergliederung des Vorganges der Mitteilung ($ 14,,) uns früher 
gezeigt, wie im sozialen Verkehr die Individuen sich gegenseitig in ihrem 
Erleben bestimmen und darüber hinaus auch in ihrem Wesen, soweit 
lieses noch plastisch ist, beeinflussen. Damit scheint sich die angeborene 
ursprüngliche Starrheit völlig zu verflüchtigen. 
Es bleibt glücklicherweise noch eine dritte Auffassung 
übrig. Sie steht in gewissem Sinne in der Mitte zwischen den beiden 
betrachteten, freilich nicht im Sinne eines Kompromisses, sondern einer 
Synthese, in der die beiden anderen Anschauungen „aufgehoben“ sind. 
Sie statuiert eine Einheit über den einzelnen Gliedern der Gruppe, 
sucht diese aber nicht zwischen den Individuen in einer be- 
sonderen Substanz, vielmehr ist diese Einheit von aktuellem Cha- 
rakter. Ihr Wesen aber ergibt sich auf dem Wege einer phänomenolo- 
gischen Selbstbesinnung. Sie ist scharfsinnig von Theodor Litt entwickelt 
auf Grund der eben angedeuteten Analyse des Vorganges der Mit- 
teilung, indem er die dort angesponnenen Gedankenfäden konse- 
qyuent weiter geführt hat. Man könnte ihren Standpunkt als einen im- 
manenten Universalismus bezeichnen (im Gegensag zu dem eben be- 
sprochenen transzendenten Universalismus). Dem Individualismus gegen- 
über behauptet sie: es gibt keine starren, ein für alle Mal fertigen In- 
dividuen; und dem Universalismus gegenüber erklärt sie: es gibt kein 
„überindividuelles Aktzentrum“. Es gibt nichts als Zustände und Er- 
lebnisse in den Individuen und in ihnen enthaltene wechselseitige Be- 
einflussungen zwischen den Individuen. Die Einheit der Gruppe hat im- 
manenten Charakter: nirgend treten wir aus dem Kreis der beteiligten 
Personen heraus. Wollten wir uns über sie erheben, so würde uns damit 
auch die Gruppe unter den Händen zerrinnen. Insoweit hat die indivi-
	        
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