Full text: Gesellschaftslehre

342 
Die Gruppe. 
Gruppe ihre Bedeutung: der Geist der Gruppe beeinflußt auch das per- 
sönliche Leben, sofern er sich als einheitlicher Stil im gesamten Verhalten 
der Mitglieder bekundet. Der Gruppengeist als Inbegriff gewis- 
ser Eigenschaften und Zustände, Anschauungen und Gesinnungen der 
Gruppe betätigt sich nach zwei Richtungen hin, nämlich als 
einheitliche Färbung des ganzen Wesens und Verhaltens sowohl in den 
Angelegenheiten der Gruppe wie in den privaten Angelegenheiten ihrer 
Mitglieder. So kann unter dem Nationalgeist eines Volkes verstanden 
werden einerseits der Geist der Nation als solcher, wie er sich in ihrer 
Kultur offenbart; oder man kann statt dessen auch den Geist der Politik 
meinen, der dem zugehörigen Staat eigen ist. Zweitens kann man dabei 
aber auch an die durchschnittliche seelische Physiognomie eines Volkes 
denken, also an den durchschnittlichen Typus des persönlichen Verhaltens 
in ihm. Auch dieser Typus ist vom Kommen und Gehen der einzelnen 
Angehörigen einer Nation relativ unabhängig. 
Die gestaltende Wirksamkeit, die die Gruppe so auch auf das per- 
sönliche Leben ihrer Genossen ausübt, hat zu einem Teil einen norma- 
tiven Charakter, nämlich in Gestalt der Lebensordnung der Gruppe, die 
[ür das Verhalten ihrer Angehörigen einen Rahmen schafft. Diese 
Lebensordnung kann man auch noch zu den eigenen Angelegenheiten der 
Sruppe rechnen, jedoch mit der Einschränkung, daß sie als solche nur 
{ormalen Charakter besigt. Über diese normative Beeinflussung hinaus 
aber greift der Geist der Gruppe rein tatsächlich gestaltend in das Leben 
seiner Mitglieder ein. Alles, worin sich eine gewisse Stileinheit des gan- 
zen Verhaltens bekundet, ohne daß ein Gruppenwillen als solcher aus- 
Jrücklich auf ihre Erhaltung gerichtet wäre, gehört hierher. Innerhalb 
der modernen Kultur zählen hierher z. B. Tendenzen wie der Kapitalis- 
mus oder der Rationalismus, die zwar Mächte von der stärksten Objektivi- 
tät bedeuten, jedoch keinen normativen Charakter haben. Wie wenig das 
leötere der Fall ist, geht schon daraus hervor, daß diese Mächte heute 
vielfach als Dämonen empfunden werden, in deren Wesen Licht- und 
Schattenseiten untrennbar verbunden sind und mit denen wir auf alle 
Fälle rechnen müssen. Die gestaltende Beeinflussung der Gruppe in 
liesem Sinne reicht sehr weit. Selbst die statistische Gesegmäßigkeit 
rechnet Durkheim mit Recht noch hierher, also die Regelmäßigkeit in der 
Häufigkeit der Selbstmorde, der Eheschließung, der Verbrechen usw. 
Daß diese zunächst rein individuellen Phänomene überhaupt eine zahlen- 
mäßige Regelmäßigkeit zeigen, beruht bekanntlich darauf, daß ihnen 
neben den rein individuellen auch soziale Ursachen zugrunde liegen und 
mit dem Wachsen der Anzahl der Fälle die ersteren immer mehr zugun- 
sten der legteren zurücktreten, das Gesamtphänomen also nur von den
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.