Dichtung.
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Person in dem geschilderten Kreise u. dergl. mehr. Allein schon
früh läßt sich doch bei ihm hierüber hinaus ein besonderer Sinn
für die Entwicklung der Charaktere wahrnehmen. Oder besser:
die Auswicklung der Charaktere, den Prozeß, in dem sich ge—
wisse Charaktere von klar und abgeschlossen gegebenen Potenzen
her unter gewissen Umständen zu deren voller Entfaltung fort—
hewegen. Darum liegt ihm in seinen Dramen von vornherein
die Charakterstudie nahe; Vockerat in den „Einsamen Menschen“,
College Crampton, die Wolffen im „Biberpelz“ sind solche
Charaktere, die er besonders eingehend studiert hat, ohne sie
freilich im Zustandsdrama anders als in ihrer jeweiligen Lebens⸗
breite, gleichsam im Querdurchschnitt zu erfassen. War es
aber denkbar, daß einer ausgesprochenen Begabung solche Experi—
mente genügten? Schon vor allen Dramen, die heute bekannt
sind, hat Hauptmann in seinen Skizzen das Problem tiefer zu
fassen gesucht. Sind nun diese Skizzen der Zeichnung des
Abnormen gewidmet und insofern besonders geeignet, nicht
über den Charakter der Studie hinaus zu wachsen, so läßt sich
in den neunziger Jahren das wachsende psychologische Interesse
des Dichters auch in den Dramen verfolgen. So vor allem
in der „Versunkenen Glocke“: es ist das erste Stück, in dem
Hauptmann den Versuch einer Auswicklung des Charakters
seines Helden macht und sich damit dem eigentlichen psycho—
logischen Drama nähert. Aber noch war dieser Versuch nur
ein tastender, und der Märchenton schloß von vornherein eine
naturalistisch feiner ciselierte Charakterschilderung aus. Sollte
ein volles Seelenleben in seiner Entwicklung zur Darstellung
gelangen, so war auf das reine Drama zurückzugreifen.
Im Jahre 1899 erschien Hauptmanns „Fuhrmann
Henschel“. Das Milieu ist das alte schlesische, auch die Technik
im einzelnen ist die alte. Es wird z. B. schlesisch gesprochen,
und die Personen sind schon in den Schattierungen der Sprache
charakterisiert, und zwar so fein wie im „Biberpelz“; der
Kellner George aus Meißen, in Schlesien thätig, spricht sächsisch
mit schlesischem Anklang, wie die Wolffen im „Biberpelz“ auf
schlesisch berlinert. Neu aber ist der Charakter der Fabel.