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Gegenstück in den Einseitigkeiten der großen historischen Perioden und
der einzelnen Nationalitäten. Insbesondere gehört hierher auch die all-
mähliche Verschiebung des Geschmackes. Wenn ein einzelner Mensch
einer neuen Art von Gütern gegenübertritt, so wird sich für sie in vielen
Fällen nach Überschreitung des Schwellenwertes alsbald der höchste Grad
von Empfänglichkeit und Schägung einstellen und diese danach mehr oder
weniger schrittweise wieder abnehmen bis zum Nullpunkt oder zur
entschiedenen Abkehr. Ähnlich benimmt sich in vielen Fällen auch ein
ganzes Volk oder sonst eine Gruppe, aber nicht in einer, sondern im Laufe
mehrerer Generationen. Wir erleben eine solche allmähliche Verschie-
hung heute z. B. in der Bewertung des großstädtischen Lebens: die Be-
wunderung dafür hatte vor vielleicht ein bis zwei Generationen ihren
Höhepunkt erreicht und ist gegenwärtig in deutlichem Abnehmen begrif-
fen. Wie diese Übereinstimmung zu stande kommt, ist freilich nicht ohne
weiteres zu durchschauen.
Die Gruppe als Einheit.
30. Gruppenbewußtsein und sonstiges Kollektivbewußtsein.
Inhalt: Der Begriff des Gruppenbewußtseins ist im Folgenden nicht im dyna-
mischen oder genetischen Sinn, sondern als eine spezifische Erlebnisqualität gemeint:
vom Gruppenbewußtsein sprechen wir da, wo die erlebenden Personen sich als
„Gruppe“ fühlen; wo sonst mehrere Personen einen gleichen Bewußtseinsinhalt haben,
reden wir von bloßem Kollektivbewußtsein. Bei diesem kann man wieder unter-
scheiden zwischen bloßem Parallelismus und Wechselwirkungen, anderseits zwischen
reinen und gemischten Fällen, ebenso zwischen verschiedenen Graden der sinnlichen
Verbundenheit, ferner zwischen verschiedenen Graden der Bewußtheit der Kollektivi-
tät. Endlich macht es einen Unterschied, ob sich die Kollektivhaltungen auf kon-
krete Gegenstände des Erlebens im einzelnen Falle beziehen, oder ob sie von bloß
dispositionellem Charakter sind.
l. Träger der Gruppenangelegenheiten ist die Gruppe, und Träger
der persönlichen Angelegenheiten sind die einzelnen Personen. Die erste-
ren Angelegenheiten werden erlebt im Gruppenbewußtsein, die legteren
im individuellen Bewußtsein. Mit diesen Wendungen soll keinerlei
mystischer Sachverhalt bezeichnet sein: der Ort, an dem sich die Be-
wußtseinsvorgänge abspielen, ist stets die Seele der beteiligten Men-
schen. Die Unterscheidung bezieht sich vielmehr nur auf den Umfang
des Ichbewußtseins — auf das, was als erlebendes Subjekt
von den beteiligten Personen dabei empfunden wird. Im ersteren
Fall ist dies die Gruppe, zu der die verschiedenen Genossen sich aus-
yzeweitet und zusammenfließend fühlen, im zweiten Fall die einzelne Per-
son mit ihrem engeren Ich ($ 18). Schon Wundt hat den Begriff des
Gesamtbewußtseins, den er in seiner Ethik bereits im Jahre 1887, noch
mitten im Zeitalter des Positivismus, aufgestellt hat, in diesem Sinne ge-