350
Die Gruppe.
meint. Er dachte dabei an keinerlei geheimnisvolle Substanz oder überhaupt
ein Wesen außerhalb der einzelnen und unabhängig von ihnen,
sondern lediglich an eine übereinstimmende (genauer gesagt: gemeinschaftliche)
Willensrichtung innerhalb. der Gruppe — also an das, was
wir hier als Gruppenbewußtsein bezeichnen.
Der Begriff der Gruppenangelegenheit ist für uns, wie kaum aus-Jrücklich
bemerkt werden braucht, nicht durch objektive Kriterien, sonlern
durch Erlebnisqualitäten bestimmt. Ein Gegenstand wird also in
unserem Sinne nicht dadurch zur Gruppenangelegenheit, daß er etwa
vom Standpunkte eines objektiv urteilenden Zuschauers aus eine gewisse
Wichtigkeit für die Gruppe besigt. Gruppenangelegenheiten sind vielmehr
für uns solche Angelegenheiten, die die Gruppenmitglieder als Angelegenheiten
der Gruppe erleben, d. h. also als „unsere“ (oder „meine‘“‘)
Angelegenheiten erleben, indem ihr Ich die Gruppe mit umschließt
$ 19,,). Als Subjekt der Gruppenangelegenheiten wird demgemäß die
ruppe („wir“) erlebt. In einem entsprechenden Sinn sprechen wir auch
von einem Gruppenwillen: die Gruppengenossen verfolgen ein Ziel, inlem
sie sich dabei als Gruppe fühlen. Dabei ist freilich zu unterscheiden
zwischen dem eigentlichen Träger und dem Organ dieses Willens. In
allen umfassenderen Gruppen werden die Gruppenangelegenheiten ausgeführt
von einem kleineren Kreise von beauftragten Personen, die dabei
die Gruppe vertreten. Mit den Begriffen „Auftrag“ und „Vertretung“
sind dabei wiederum spezifische, legte Tatbestände gemeint, also
soziale Kategorien bezeichnet. — Ähnlich ist der Begriff der Gruppenanschauungen
zu bestimmen, die sowohl theoretische Überzeugungen wie
Wertüberzeugungen in sich umfassen. Sie sind wohl zu unterscheiden
von den kollektiven Anschauungen der Gruppenmitglieder. Von den
jebßteren ist auch dann zu reden, wenn alle Mitglieder der Gruppe sich zu
derselben Überzeugung bekennen, falls deren Inhalt dabei nicht als eine
Angelegenheit der Gruppe aufgefaßt wird (d. h. falls sie nicht von der
Lebensordnung der Gruppe gefordert ist. also zu ihrem „BekenntnisschaB‘
($ 33,2) gehört).
Unter dem Gruppenbewußtsein ist hier ebenso wie unter den Gruppenangelezenheiten
eine bestimmte Erlebnisqualität verstanden. Es sei darauf ausdrücklich hinzewiesen,
weil es auch einen anderen Sprachgebrauch gibt, der das Wort in einem
zenetischen Sinn gebraucht: unter dem Gruppenbewußtsein versteht er gewisse Bewußtseinsinhalte,
die nicht im Individuum, sondern in der Gruppe entsprungen sind.
In einem ähnlichen Sinne wird auch der Begriff „Kollektivbewußtsein‘“ verwendet.
So versteht bekanntlich L6övy-Brühl unter Kollektivvorstellungen der Naturvölker
solche Anschauungen (besonders von weltanschaulichem Charakter), die der Einzelne
von seiner Umwelt empfängt. Unsere Darstellung dagegen wird im Folgenden unter
diesem Wort Bewußtseinsinhalte verstehen, bei deren Erleben ein Zusammenspiel zwischen
verschiedenen Individuen in irgendeiner Form stattfindet.