Gruppenbewußtsein und sonstiges Kollektivbewußtsein. 355
kann daher sagen, daß auch die rein individuellen Bewußtseinsinhalte
auf diesem Wege indirekt an der Kollektivität teil-
nehmen.
In diesem letzteren Sinne reicht dann die Wirkung des Kollektiv-
geistes genau so weit in die einfachsten Formen des Seelenlebens herab,
wie wir dies bei unserer Betrachtung über die historische Gestaltung
unseres Seelenlebens ($ 17) kennengelernt haben, die denselben Tat-
bestand nur von einer anderen Seite her beleuchtet hat. So erscheint z. B.
eine Wahrnehmung eines Einzelnen zunächst als ein rein individueller
Akt. Wir müssen uns jedoch unserer früheren Betrachtungen erinnern
über die historischen Kräfte, von denen die Struktur der Wahrnehmun-
gen abhängt; z. B. die Art zu sehen beim Maler, beim Jäger, beim Holz-
händler usw. Die in einer Gruppe herrschende Art zu sehen aber beruht
ehensogut wie ihre Art zu denken oder zu fühlen auf fortgesegten Wech-
zelbeeinflussungen. Die einzelne Wahrnehmung einer einzelnen Person,
obwohl an sich durchaus individuell, z. B. das Erblicken blauer Schatten
oder das Gewahrwerden von Gespenstern, ist somit in ihrem Aufbau von
derartigen Kollektivvorzängen bestimmend beeinflußt.
31. Der Lebensdrang der Gruppe.
Inhalt: Einen Lebensdrang zeigt die Gruppe in verschiedenem Maße, je
nachdem ihr Charakter stärker oder schwächer ausgeprägt ist. Der Lebensdrang richtet
sich in erster Linie auf biologische und soziale Güter, wie die Erhaltung und die
Sicherung der Existenz, die Ausdehnung der Gruppe und die Steigerung ihrer Macht
und ihres Besiges, und erst in zweiter Linie auf geistige Güter. Sein Gegenstand
ist aber lediglich die Gruppe als solche; ausgeschlossen von ihm sind also alle rein
persönlichen Interessen und die Interessen schwächerer Teilgruppen, soweit durch sie
nicht auch das Interesse der Gruppe in einer sich aufdrängenden Weise berührt wird.
In dieser Beschränkung sind vom Standpunkte der individualistischen Ethik aus be-
trachtet eine Fülle von Härten enthalten. — Negativ richtet sich der Lebensdrang in
der Form der Abwehr gegen Elemente, die als störend empfunden werden wegen
biologischer, sozialer oder persönlicher Minderwertigkeit, falls die Störung gewisse
Grenzen überschreitet. Die ältesten Verfahren sind das Beiseiteschieben und Ver-
nichten oder das Ignorieren. Erst viel später bilden sich die Methoden der Hilfe
und Vorbeugung aus. Daneben besteht von Anfang an eine positive Behandlung sozia-
ler Störungen von geringerem Grade, die auf dem persönlichen Kontakt in der Gruppe
beruht. Diese letstere Art Regulierung vollzieht sich vorwiegend unbewußt.
1. Von dem Lebensdrange einer Gruppe kann man in demselben
Sinne sprechen wie von demjenigen eines einzelnen Menschen. Er ist
natürlich nicht in gleicher Weise in allen Gruppen entwickelt entsprechend
der verschiedenen Stärke, in der der Gruppencharakter überhaupt aus-
geprägt sein kann. Eine schwach ausgeprägte Gruppe wie die heutige
Proletarierfamilie hat einen sehr viel geringeren Lebensdrang als die