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die größte Erregung versegen, wenn er für die Auffassung der Volks-
massen einen symptomatischen Charakter besigt.
Der Lebensdrang der Gruppe.
Die angeführten Beispiele zeigen, welche Rolle die Anschaulichkeit bei
diesen Erregungen spielt. Der Say, daß anschauliche Reize viel stärker als bloße Vor-
stellungen auf das Gefühl und den Trieb wirken, gilt nicht nur für Individuen, son-
dern auch und in noch höherem Maße wegen der stattfindenden Wechselwirkung für
Gruppen. Die Reaktion zeigt in solchen Fällen typischerweise einen irrationalen Cha-
rakter: sie geht weit über das Ziel hinaus und wendet Mittel an, die bei nüchterner
Prüfung als zwecklos erscheinen. Die ursprüngliche Haltung ist jedem bedrohenden
Symptom gegenüber radikal auf dessen Vernichtung gerichtet. Wie höhere Kulturen
zu einer Mäßigung in diesem Verfahren führen können, werden wir später sehen.
($ 32, „.)
11. Der Lebensdrang der Gruppe steht in engen Beziehungen zu
dem Instinkt des Selbstgefühles, sofern als dessen Objekt
die Gruppe auftritt. Denn dieser Instinkt bedeutet den Willen zur Gel-
tung und zum Werte und gegebenenfalls auch zur Macht. Alle diese
Tendenzen aber sind im Lebensdrang der Gruppe enthalten. Sofern die
Gruppe also nicht in ihrem Lebensdrange gehemmt ist, wird sie auch
von einem entsprechenden Selbstgefühl erfüllt sein. Zu diesem gehört
auch die (zunächst nur emotional-praktisch sich betätigende) Über-
zeugung von ihrem Wert, die sich bei der Berührung und im
Vergleich mit andern Gruppen typischerweise als Überzeugung von
ihrem Mehrwert äußert. Sie gilt zunächst der Gruppe im ganzen. Sie
kann sich insbesondere aber auch (namentlich in vorstellungsmäßiger
Form) auf eine wertvolle Eigenschaft beziehen, so beim Stolz auf die
preußische Art oder die preußische Beamtentreue; sie kann ferner den
Ruhmestaten der Gruppe gelten, wie den Schlachten eines Regiments
oder den Leistungen eines Institutes. Sie kann sich endlich auch auf
diejenigen Leistungen beziehen, die sich als sogenannte Projektionen
von der Gruppe loslösen, wie bestimmte Institutionen, Gesege usw. Wir
beschränken uns hier darauf, einige typische Beispiele zu geben.
Gute Beispiele werden wir nur bei stark ausgeprägten Gruppen suchen. Für die
Familie kommen demgemäß ältere Zustände in Frage, bei denen die Kraft des Fa-
milien- oder Sippengeistes noch nicht im Sinne des modernen Individualismus ge-
brochen ist. Einen ausgesprochenen Sippengeist schildert uns z. B. George Elliot in
ihrer „Mühle am Floß“ (deutsche Übersetzung bei Reclam 1, 48), wobei auch der
Zusammenhang zwischen Gruppenselbstbewußtsein und Abhebung von anderen Grup-
pen berührt ist: „Überhaupt nämlich hatte die Familie für alles und jedes ihre be-
sondere Weise — eine besondere Weise, das Leinen zu bleichen, den Obstwein zu
machen, die Schinken zu behandeln und die eingemachten Stachelbeeren aufzubewah-
ren. ... Kurz es gab in dieser Familie ganz bestimmte eigene Überlieferungen, was
in Haushaltsangelegenheiten und gesellschaftlichen Beziehungen Recht sei und was
nicht, und bei dieser Überlegenheit war nur eins schmerzlich — die traurige Unmög-
lichkeit, die Lebensart und das Benehmen von irgend jemandem zu loben oder gut-
Vierkandt. Gesellschaftstehre