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Die Gruppe.
zuheißen, der den Dodsonschen Traditionen nicht anhing. ... Nicht jedes Mitglied
der Familie freilich schlug so gut ein wie die übrigen — das war leider richtig, aber
da sie doch zur Verwandtschaft gehörten, so waren sie insofern notwendig besser als
alle, die nicht zur Verwandtschaft gehörten, und besonders merkwürdig ist es, daß,
während kein einzelner Dodson mit einem andern einzelnen Dodson zufrieden war,
doch jeder oder jede nicht nur mit sich selbst völlig zufrieden war sondern auch mit
den Dodsons im ganzen.“
Bei den Naturvölkern werden wir wegen ihrer ausgeprägten Gruppenbildung von
vornherein ein starkes Selbstgefühl erwarten. Dazu- stimmen alle Mitteilungen über
Jas selbstsichere Auftreten, das Eingeborene mit unberührten Zuständen bei der Be-
rührung mit Europäern zeigten. Diese Sicherheit ist in erster Linie nicht aus einem
individuellen Selbstgefühl (bei dem eine solche Stärke im allgemeinen schwer zu ver-
stehen wäre), sondern aus einem entsprechenden Gruppenselbstbewußtsein zu erklä-
renl). Weiter führen wir die folgende Äußerung einer australischen Quelle an (Eyl-
mann, Die Eingeborenen der Kolonie Südaustraliens S. 35 u. 45): „wie bei uns die
Leute, welche von der Welt abgeschlossen leben, so überschägt der Eingeborene sich
sicht nur selbst, sondern auch alles das, was in enger Beziehung zu ihm steht wie
Jie Heimat, die Stammesgenossen, .die heimischen Sitten und Bräuche.“ Und als Ge-
zenstück dazu: „Den Stammesfremden wird meist jede Achtung versagt“. (Vgl. auch die
usführlichen Erörterungen über diesen Gegenstand bei Walter Beck, Das Individuum
bei den Australiern, Leipzig 1924 S. 67 flg., dessen Werk die vorstehenden beiden
Äußerungen Eylmanns entnommen sind.)
Ein weiteres dankbares Beispiel liefert der nordamerikanische Staat, zu dem
zeine Bürger fast wie zu etwas Göttlichem aufblicken. Wir führen dafür die folgen-
Jen Worte Sombarts an, in denen zugleich das hohe Maß von Distanz zwischen dem
Staat und seinen Bürgern angedeutet ist: „Es ist. eine von vielen beobachtete Be-
sonderheit des amerikanischen Bürgers, daß er in der Verfassung seines Landes eine
Art von göttlicher Offenbarung erblickt und sie infolgedessen mit gläubiger Scheu
verehrt. Er hat die Empfindung gegenüber der „Konstitution“ wie vor etwas Heili-
gem, das der sterblichen Kritik entrückt ist. Man hat mit Recht von einem 5consti-
zutional fetishworship<« gesprochen“).
32. Die gegenseitige Hilfsbereitschaft.
Inhalt: Der angeborene Hilfstrieb enthält in sich eine Tendenz zur gegenseiti-
zen Hilfsbereitschaft da, wo der Gruppe ein gemeinsamer Angriff oder eine sonstige
Not oder Gefahr von außen droht, oder wo sie in ihrem inneren Leben durch eine
derartige gegenseitige Hilfsbereitschaft eine Förderung erfährt. Druck und Not stei-
zern demgemäß im Gruppenleben typischerweise die gegenseitige Hilfsbereitschaft.
Auch außerhalb des Gruppenlebens ist derselbe Tatbestand zu beobachten da, wo das
Band einer entsprechenden Situation Menschen vereinigt. Diese Hilfsbereitschaft ist
wohl zu unterscheiden von der Teilnahme am rein persönlichen Schicksal, die sich in
viel geringerem Maße im Gruppenleben bemerklich macht. Ihre Grundlage bildet nicht
egoistische Berechnung, sondern eine angeborene Anlage, sich gegenseitig zu fördern,
wo die Bedingungen für eine solche Förderung gegeben sind.
1) Vgl. meine Natur- und Kulturvölker 5. 181 f.
2) W. Sombart, Der Sozialismus in den Vereinigten Staaten. S. 77.