Full text: Gesellschaftslehre

Gegenseitige Hilfsbereitschaft. 
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d.h. etwa schwerer Betroffene, nicht zu schädigen. Aber etwa nach dem 
fünften Tage erwachte der alte rücksichtslose Besigwille wieder. Das 
Unglück hatte also die Menschen zunächst einander näher gebracht, aber 
dieses Verhältnis dauerte nur wenige Tage. Interessant ist auch die 
Mitteilung derselben Quelle, daß sich bei den Spenden zwei Städte, die 
ihrerseits vorher einen ähnlichen schweren Unfall erlitten hatten, durch 
die Höhe ihres Betrages auszeichneten!). Ähnlich urteilt eine bekannte 
Quelle über die russischen Hungersnöte: „Die Bande der sozialen Ge- 
sittung werden durch die Hungersnot nicht gelöst, im Gegenteil, die 
Armen in ihrer schlimmsten Not schließen sich am stärksten zusammen‘“‘?). 
Die gleiche Wirkuhg der Not haben wir selbst zu Beginn des Weltkrieges 
erlebt, als eine Welle der Solidarität über unser ganzes Volk flutete und 
alles an Hilfsbereitschaft und freiwilligen Leistungen für das bedrohte 
Ganze wetteiferte. Bezeichnend war auch die Teilnahme, die die Kriegs- 
verwundeten namentlich im Anfang fanden. Sie wurden von der Öffent- 
lichkeit mit einem viel größeren Maße von Teilnahme bedacht, als es 
sonst denjenigen gegenüber geschieht, die das Opfer eines individuellen 
Unfalles im friedlichen Leben geworden sind. Auf die Verwundeten 
strahlte noch jener Affekt der gesteigerten Hilfsbereitschaft über, der 
durch den Krieg als eine gemeinsame Gefahr hervorgerufen war. In 
schweren Zeiten steigt demgemäß im allgemeinen die Solidarität der Ge- 
sinnung. Wenn also die schwierige Situation durch innere ZerseBung, ins- 
besondere überwuchernden Individualismus und Egoismus hervorgerufen 
ist, so gewinnt eine solche Zeit durch derartige rückläufige Tendenzen 
eine zwiefache Physiognomie: Strömung und Gegenströmung, Zerfall und 
verstärkter Gemeinsinn treten nebeneinander auf. Die Charakteristik 
einer solchen Zeit fällt daher ganz verschieden aus, je nachdem der 
Schildernde mehr die eine oder die andere Seite ins Auge faßt. Auch für 
unser gegenwärtiges soziales Leben trifft das Gesagte zu: von dem Hin- 
tergrunde rücksichtsloser Macht- und Besigbestrebungen hebt sich in 
merkwürdiger Weise die Fülle sozialer Reformbewegungen ab, in denen 
wir oben ebenfalls eine Bekundung des solidarischen Hilfswillens er- 
kannt haben. Auch für das individuelle Leben gilt der Sag: 
Zustände und Perioden einer relativen Schwäche bringen eine erhöhte 
Disposition zur gegenseitigen Hilfsbereitschaft mit sich. Hierher gehört 
das bekannte Verhalten des Kindes (und auch vieler Erwachsener in ab- 
hängiger Lage) bei drohendem bösen Wetter besonders aufmerksam zu 
1) Samuel Henri Prince, Catastrophe and social change based upon a 
Sociological research of the Halifax Disaster. New York. Columbia University 1920. 
S. 93 u. 115. 
2) Lehmann und Parvus, Das hungernde Rußland. S. 127.
	        
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