Full text: Gesellschaftslehre

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Die Gruppe. 
sein, und sein Glaube, dadurch etwaige unerwünschte Folgen abwenden 
zu können. Der Schwache bietet in diesem Falle einen Bund an, zu dem 
er selbst oft freilich nichts als den persönlichen guten Willen beizu- 
steuern vermag, für den aber der Starke erfahrungsmäßig oft zugängig 
ist. Die bekannte Tatsache, daß der schwache Mensch voll von Hilfs- 
hereitschaft gegen den Starken ist, hat offenbar den gleichen Sinn. Hier- 
hin gehört es auch, wenn im legten Kriege unsere Krieger eine besondere 
Neigung zeigten, alte eingeschlummerte Beziehungen wieder hervor- 
zusuchen und sich im Briefwechsel warm anzuschließen. Ähnlich. schlie- 
Ben sich Landsleute in der Fremde zusammen. Dasselbe gilt vom Alter, 
das einen gewissen Kraftverlust sowohl auf dem vitalen wie auf dem 
sozialen Gebiet in sich enthält. Nur sind es hier in erster Linie die 
Schicksalsgenossen, die zum Zusammenschluß unter sich neigen. — Auch 
ein charakteristisches Überstrahlen im Sinne einer Irrationalität 
macht sich hierbei bemerklich. So rufen ungewohnte schwierige Ver- 
hältnisse häufig als äußere Bekundung des Willens zum Zusammenschluß 
einen Drang beieinander zu sein hervor, auch wenn dadurch tatsächlich 
die Schwierigkeiten nicht vermindert, vielleicht vergrößert werden. So 
haben Familienangehörige beim Ausbruch eines Krieges oder in ähnlichen 
Nöten einen Drang zusammen zu sein. So atmeten nach einem Bericht 
aus dem Weltkriege selbst im Trommelfeuer unsere Soldaten auf, wenn 
sich mehrere zusammenfanden, obwohl eine. solche Vereinigung gegen 
3Jie Vorschriften war; und ähnlich war auch beim Stürmen eine Tendenz 
zur Gruppenbildung zu bemerken. 
In unseren modernen Verhältnissen kann man die Solidarität als 
spezifische Eigenschaft der unteren Volksschichten ansprechen. Hilty in 
seinen bekannten Büchern über das Glück wird nicht müde zu versichern, 
laß die sogenannten kleinen Leute ein viel höheres Maß von Wohlwollen 
und Opferwilligkeit gegeneinander haben als die Reichen. Alle Beob- 
achter und Kenner der einschlägigen Verhältnisse werden dem wohl zu- 
:timmen. Freilich muß man von einem moralischen Werturteil über die 
inneren Vorzüge dieser Menschenschicht absehen; denn es handelt sich 
hier um die Betätigung einer Instinktanlage, deren stärkeres Funktio- 
nieren nicht von einer besonderen Gesinnung, sondern von den Verhält- 
aissen abhängig ist. Es sei hier nur ein Beispiel angeführt, das Gertrud 
Bäumer einmal in der „Hilfe“ (1915, Nr. 43) aus den Akten der Kriegs- 
hilfe mitgeteilt hat: „Eine Kriegerfrau, deren Mann gefallen ist, stirbt 
and hinterläßt vier kleine Kinder. Eine andere, Stellmachersfrau, nimmt 
diese vier Kinder ihrer Freundin einfach zu sich und versucht, sich mit 
ihnen durchzuschlagen. — Es war, was man so sagt, „unvernünftig“ von 
ihr; sie wußte auch gar nichts von den Unterstügungen, die sie für die 
Kinder bekommen konnte. — Wie großartig dieses ‚einfache In-die-
	        
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