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Die Gruppe.
der Arbeitslosen vorzubeugen, scheint auf den ersten Blick lediglich eine
Summe individueller Einkommensgrößen auf dem Spiele zu stehen; aus-
geschlossen erscheint aber auch hier die Wahrung des „Standesinteresses“
als solchen nicht.
7. Scharf zu unterscheiden ist, wie schon früher angedeutet, die
solidarische Hilfsbereitschaft von der rein individuellen Be-
tätigung des Hilfstriebes. Unter der legteren verstehen wir das-
jenige Verhalten, dem kein naheliegender Bezug auf das Gesamtwohl
innewohnt oder bei dem die Gegenseitigkeit oder deren Erwartung fehlt
— ein Verhalten, das der Gesinnung der. Freundschaft oder der persön:
lichen Liebe oder der humanen und caritativen Gesinnung entspringt.
Um ein früher gebrauchtes Beispiel zu wiederholen: die Kriegsverwun-
deten im legten Kriege waren ein Gegenstand der solidarischen Hilfe,
während die durch einen persönlichen Unfall verlegten Menschen nur
einen Gegenstand der individuellen Hilfsbereitschaft abgeben. Folgt
man dem populären Sprachgebrauch, so würde man im legteren Falle
von Altruismus sprechen, während die solidarische Hilfsbereit-
schaft passender als Mutualismus bezeichnet würde. Bloß per-
sönlichen Leiden steht die Gruppe im allgemeinen verhältnis-
mäßig kühl und gleichgültig gegenüber ($ 30,;). Dieser Sag gilt nicht
nur von streng individuellen Leiden, sondern überall, wo eine Gruppe in
Teilgruppen zerfällt, auch von solchen Kollektivleiden, deren Träger
aur eine schwache, wenig angesehene Teilgruppe ist. In dieser Lage sind
z. B. die Ehelosen gegenüber den Verheirateten, die Verbrecher gegen-
über denjenigen, die nicht mit dem Strafrichter in Berührung kommen,
allgemein die niederen Schichten gegenüber den oberen. Innerhalb jedes
Stammes, jedes Volkes und jeder Lokalgruppe kann man bekanntlich
von einer dominierenden Teilgruppe sprechen, die aus den erwachsenen
Männern oder bei gesellschaftlicher Abstufung aus den Männern der
»beren Schichten besteht; vermöge ihres besonderen Ansehens bestimmt
diese Teilgruppe auch die Werturteile und das Verhalten der übrigen
in hohem Maße. Wo sie also besonders hilfsbereit ist, gilt auch dasselbe
von der ganzen Bevölkerung und ebenso umgekehrt.
8. Erklärt wurde die Tatsache der Solidarität vom alten Ra-
‚ionalismus bekanntlich aus der Einsicht in den Nugßen. Die Förderung
Jes anderen war für ihn verkappter kluger Egoismus in dem Sinne
3twa, in dem es einmal La Rochefoucauld ausspricht: „Was die Men-
schen Freundschaft benannt haben, ist nur ein Verein zu irgend einem
zemeinsamen Zweck, ein gegenseitiges Schonen der Interessen, ein Aus-
‚ausch von Dienstleistungen — kurzum ein Handel, bei dem die Eigen-
liebe stets zu gewinnen trachtet.“ Ganz dieselbe Auffassung spricht aus