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außerhalb ihrer in jeder Form der Gesellschaft; d. h. allen „Personen“
gegenüber; nur den als Sache aufgefaßten Gegenständen gegenüber ver-
mögen sie nicht zu funktionieren. So ist auch die von der Gruppe aus-
gebildete und in ihrer Anwendungspflicht auf die Gruppenmitglieder be-
schränkte Moral die am stärksten entfaltete Form der Moral. Daneben
gibt es aber eine zweite schwächere Form, die sich auf die außergemein-
schaftlichen Lebenskreise bezieht. Wir können sie als Gesellschaftsmoral
bezeichnen. Endlich kommt drittens eine Sachmoral in Frage, die in
ihrer reinen Form allerdings nur die Bedeutung eines Grenzfalles hat.
Wir betrachten zunächst diese drei Formen der Sozialmoral in ihrer jewei-
ligen idealtypisch reinen Ausprägung.
Zunächst erörtern wir die Gruppenmoral. Sie fordert kurz
gesagt Liebe gegen die Gruppe und Achtung gegen die Genossen; aus-
führlicher formuliert Solidarität und Hingabe an die Interessen der
Gruppe, Unterordnung unter diese und ihren Willen und ihre Führer und
Anerkennung der Genossen als gleichberechtigter Wesen. Die Gruppen-
moral verlangt also, daß der Einzelne sein Ich der Gruppe an Wert unter-
ordnen und seinen Genossen an Bedeutung nicht mehr als gleichsegen,
also nicht über die Person seiner Genossen stellen soll. Man kann die
Gruppenmoral nicht als Liebesmoral im vollen Sinne bezeichnen, weil
die Liebesgesinnung nur gegenüber der Gruppe und den Genossen
gegenüber nur soweit sie diese verkörpern (soweit es sich um dieser Wert
und Ehre handelt), aber nicht den Genossen als Personen gegenüber ge-
fordert wird. Von einer Liebesmoral im vollen Sinn kann man nur der
Familie gegenüber im idealen Fall sprechen, sofern hier die Liebes-
gesinnung sich auch auf die Personen bezieht. Passender mag man von
einer Liebes- und Achtungsmoral sprechen oder auch von einer Liebes-
moral gegenüber der Gruppe. Verbreitet ist diese Moral von Haus
aus innerhalb der Gruppe und nur innerhalb dieser. Außerhalb ihrer
(d. h. gegenüber Personen oder sonstigen Gebilden, die nicht zur Gruppe
gehören) herrscht von Haus aus eine andere oder gar keine Moral. Wenn
ferner hier von der Gruppe die Rede ist, so ist dabei die persönlich fun-
dierte Gruppe ($ 19,„) gemeint, die in ihrer unverkümmerten Form un-
serm Idealtypus der Gruppe am nächsten steht. Bei der abstrakt fun-
dierten Gruppe, bei der die einzelnen Mitglieder sich durchgängig oder
mindestens außerhalb gewisser Teilgruppen ($ 19,3) persönlich fremd
sind, wird die angedeutete Gruppenmoral in weitem Umfange durch den
in der Folge zu betrachtenden zweiten Typus, nämlich die Gesellschafts-
moral, ersegt. Dem strengen Wortlaut nach trifft die eben getroffene
Formulierung allerdings auch hier zu. Aber die Gruppenangelegenheiten
nehmen hier einen viel geringeren Umfang ein, und die Mitglieder der
Die drei Sozialmoralen.