Full text: Gesellschaftslehre

Zuschauer und Handelnde. 
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die Leistungsfähigkeit des Einzelnen ihre tatsächliche Höhe. Der Zu- 
schauer steht gleichsam auf einem höheren sittlichen Niveau als der 
Handelnde, weil er keine entgegengesegßten Tendenzen zu überwinden 
braucht; und durch den von ihm ausgeübten Druck gelingt es ihm den 
Handelnden zu seiner Höhe emporzuziehen. 
Sehr lehrreich ist nun der Rollenwechsel, der zwischen den 
beiden Funktionen des Beurteilenden und des Handelnden fortgesett 
stattfindet — eine ebenso selbstverständliche wie wichtige Tatsache. Jeder 
kommt selbst in die Lage, diejenigen Handlungen zu begehen, über die 
er in der übrigen Zeit mit den Gruppengenossen fortgesegt urteilt und 
Forderungen aufstellt. Ein wunderbarer Mechanismus: jeder Einzelne 
trägt selber dazu bei, diejenigen Forderungen zu schaffen und in Gel- 
tung zu halten, unter deren Druck er selbst gegebenenfalls seufzt. Alle 
diese Mitglieder der Gruppe sind in ihren Mußestunden fortgesegt damit 
beschäftigt, diejenigen Ketten zu schmieden und die geschmiedeten vor 
dem Rost und der Zerstörung zu bewahren, die sie dann selbst in den 
Stunden der Arbeit tragen müssen. Jeder Einzelne begehrt die Fessel 
nicht, aber jeder ist eifrig dabei, sie dem anderen anzulegen. — In die- 
sem Sinn haben wir früher ($ 29,,) gesagt: jede Sitte ist nicht 
psychologisch, sondern soziologisch begründet. 
Genauer gesagt ist bei den Handelnden zu unterscheiden zwischen einem engeren 
und einem weiteren Ich: das engere Ich ist allein von dem jeweiligen individuellen 
Interesse erfüllt, während das weitere Ich den Gruppenwillen in sich trägt und von 
ihm bewegt wird. Angesichts dieser Verbindung eines engeren und weiteren Ich im 
Handelnden erfährt das eben über die Selbstüberwindung des Handelnden Gesagte 
nachträglich eine gewisse Einschränkung: der Handelnde befindet sich nicht rein 
in dem Zustand des Handelnden, sondern hat mehr oder weniger unbewußt teil an der 
Haltung des Zuschauers. Der sogenannte Gruppenegoismus ist also nicht nur in den 
Zuschauern, sondern abgeschwächt auch in den Handelnden (kraft ihrer inneren Ver- 
bundenheit mit der Gruppe) wirksam. 
In dem eben angedeuteten Mechanismus liegt es zugleich enthalten, daß die 
Sitten im allgemeinen Verhaltungsweisen vorschreiben, die der Gruppe als Ganzem 
förderlich sind oder wenigstens zu sein scheinen!). Man hat deswegen bekanntlich 
gelegentlich die Moral, soweit sie sich nicht über den Inbegriff der Sitten zu einem 
rein idealistischen Gebäude erhebt, auf einen Kollektivegoismus der Gruppe zurück- 
führen wollen. Richtig verstanden ist dieser Ausdruck in der Tat einwandfrei. Es 
bandelt sich hier um eine Fürsorge der Gruppe für sich selbst; und der Träger dieser 
Fürsorge ist in der Tat die Gesamtheit, präziser gesagt die Gesamtheit der jeweilig 
Zuschauenden im Gegensag zu den wenigen Handelnden. Eben wegen dieses legöteren 
Umstandes enthält die Wendung von der Herrschaft des Gruppenegoismus eine falsche 
Vorstellung in sich, wenn man von der besonderen Stellung und dem besonderen 
inneren Zustand der Handelnden dabei absieht, wenn man also in den Fehler verfällt, 
der den Ausgangspunkt unserer Betrachtung bildete, die Gruppenmitglieder als eine 
) Vgl. unter anderem meine Stetizkeit im Kulturwandel S. 153 fe.
	        
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