Zuschauer und Handelnde.
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Gedanke freilich der, diese Sitte aus dem Ausdrucksbedürfnis der handelnden Per-
sonen selbst, also psychologisch zu erklären. Tiefer greift jedoch die soziologische Er-
klärung: die übrigen Gruppengenossen wollen es leibhaft sehen, daß der ehemalige
Knabe mit dem Eintritt der Reife ein anderer Mensch geworden ist; solange sie das
wicht wirklich geschaut haben, können sie sich innerlich gleichsam nicht darein finden,
daß sie jegßt einen ganz anderen Menschen vor sich haben, und sich demgemäß nicht
zu einer angemessenen Würdigung desselben verstehen. Auch die Erklärung des
Schmuckes gehört hierher, und zwar sowohl des Schmuckes des menschlichen Leibes
wie desjenigen der Geräte. Die psychologische Erklärung würde hier auf die bloße
sinnliche Freude, das vitale Kraftgefühl des Trägers des Schmuckgegenstandes ($ 4,1)
zurückgreifen. Auch hier führt die soziologische Erklärung weiter: wird aus irgend
einem Motiv ein Schmuck geschägt, so wird er auch seinen Besiger in den Augen der
Genossen heben. Die soziale Wirkung, die so vom Schmuck ausgeht, bringt damit als
cin weiteres Motiv den Instinkt des Selbstgefühls ins Spiel und fügt so zu der ur-
;prünglichen Freude am Schmuck einen weiteren, wahrscheinlich viel stärkeren Be-
weggrund hinzu.
2. Von dem bisher betrachteten wenden wir uns jegt zu einem ande-
ren verwandten Typus. Hier treten an die Stelle der Handlungen als
dasjenige, was durch den gesellschaftlichen Mechanismus beeinflußt wird,
bestimmte Anschauungen, die sich auf die Angelegenheiten
des Zusammenlebens beziehen, so die Anschauungen über Staat und Ge-
sellschaft, Recht und Kirche, Ehe und Lebensglück und andere mensch-
liche Angelegenheiten allgemeiner Art, ferner die Lebensauffassung
im ganzen und, soweit sie mit ihr zusammenhängt, auch die Weltanschau-
ung. Alle die Anschauungen, von denen hier die Rede ist, gelten zwar
innerhalb der gesamten Gruppe, geschaffen aber werden sie nicht durch
gleichmäßige Beteiligung aller, auch nicht durch diejenigen Teilgruppen,
die praktisch dabei als der betroffene Teil in Frage kommen, sondern
von den im übrigen unbeteiligten Teilgruppen. Nicht der Erlebende ;
sondern die Betrachtenden prägen die Anschauungen und üben
dadurch mittelbar auch Einfluß auf die entsprechende Lebensgestaltung
aus. So werden etwa die landläufigen Anschauungen über die Zuträg-
lichkeit der Armut nicht von denjenigen geprägt, die sie an sich selbst
erfahren. Auch die Anschauungen über die segensreichen Wirkungen
des Krieges und seine Unentbehrlichkeit werden zum großen Teil von
solchen verfochten, die ihn nicht am eigenen Leibe erlebt haben. In die-
sem Falle handelt es sich bei der Verschiedenheit der Funktionen des
Erlebenden und des Betrachters um getrennte Personen ; in an-
deren Fällen kann, ebenso wie bei dem vorher erörterten Typus, auch
ein Rollenwechsel stattfinden: die Geschichte eines Krieges wird in der
Regel von Fachmännern, aber nicht im Augenblick des Erlebens, sondern
in einem Zustande der Betrachtung verfaßt. Dasselbe gilt z. B. auch für
den Unsterblichkeitsglauben in seinen älteren Formen. Uns erscheint
es als natürlich, daß dieser aus der Sehnsucht nach einer Fortdauer nach