Full text: Gesellschaftslehre

Zuschauer und Handelnde. 
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sere Sexualmoral haben diejenigen, die die einschlägigen Nöte an sich er- 
fahren, gewiß nicht einen ihrem zahlenmäßigen Verhältnis entsprechen- 
den Anteil gehabt, und allgemein hat es dazu die charakteristische Ver- 
bindung zwischen Idealismus und Kirche in der westeuropäischen Kul- 
tur mit sich gebracht, daß die maßgebenden Anschauungen über Moral, 
Staat und Gesellschaft zum großen Teile im Kloster und am Schreibtisch 
von Menschen entwickelt sind, die den Bewegungen des Lebens selbst 
ontrückt waren. 
Alles in allem können wir sagen: das Bild des Betrachters unterschei- 
det sich von den Eindrücken des Erlebenden im Sinne einer optimistischen 
Entstellung der Wirklichkeit. Diese typischen Eigenschaften seines eige- 
nen Verhaltens schiebt nun der Betrachtende mit Vorliebe den Dingen 
selbst unter. Dadurch entstehen zwei Reihen von irrtümlichen Auffas- 
sungen. Erstens falsche Tatsachenurteile, indem der Be- 
trachter sein eigenes Verhalten als auch bei den Erlebenden selbst vor- 
handen voraussegt. Wer im Patriotismus mit Gefühl und Wort schwelgt, 
ist geneigt anzunehmen, daß die entsprechende Gesinnung auch die 
menschlichen Handlungen selbst beherrsche. Indem allgemein der Be- 
trachter seine der Versuchung entrückte moralische Gesinnung und seine 
durch die Kämpfe und Aufregungen des Lebens nicht getrübte Intelli- 
genz in den Handelnden hineinlegt, kommt er dazu, den Egoismus des 
Handelns und die Verworrenheit des Denkens, niedrige Gesinnung und 
Unklarheit der Vorstellungen für eine Ausnahme zu halten. So neigt 
allgemein der Betrachter zu einem irrigen Optimismus. Wäre wohl die 
Lehre von der Vollkommenheit der Welt trog aller der schweren Übel 
des Lebens jemals zustande gekommen, wenn nicht in erster Linie be- 
trachtende statt erlebende Menschen sie ausgebildet hätten? Das, was 
die Optimisten als den Inhalt des Lebens preisen, ist in der Tat nur ein 
idealistischer Schein, eine künstlerische Verklärung, die im Betrachter 
ihren Sig hat (vgl. $ 37,6). — Eine besondere Verirrung dieser Art bildet 
in den Geisteswissenschaften und im täglichen Leben die Überschägung 
der Intelligenztätigkeit in Gestalt jener Vulgärpsychologie, die alles 
Handeln auf ein klares Zweckbewußtsein zurückführt. 
Eine andere Form jenes Unterschiebens, von dem wir hier sprechen, 
tritt als falsches Werturteil auf: der Betrachtende hat in die- 
sem Falle die Tatsachen richtig festgestellt, geht aber mit Anforderun- 
zen an sie heran, die er seinem eigenen Standpunkt entnommen hat; und 
da die Tatsachen diesem nicht entsprechen, so fällt er ein negatives 
Werturteil über sie, das den Umständen nicht angemessen ist. Hierher 
gehören die vielen Urteile des täglichen Lebens und leider auch so manche 
der Geisteswissenschaften, die sich über den Mangel an Intelligenz. über
	        
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