Full text: Gesellschaftslehre

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Die Gruppe. 
die ungeheure Verbreitung des Wahnes in den religiösen Anschauungen 
und Gepflogenheiten früherer Zeiten, aber auch bei manchen Torheiten 
der Gegenwart, vor allem bei abweichenden Grundanschauungen, gar nicht 
genug aufhalten können. In Wirklichkeit hat natürlich der Betrachter, 
der dem ganzen Zusammenhang des Lebens völlig fernsteht, ein viel 
leichteres Spiel in der Beurteilung als derjenige, der in diesen Zusam- 
menhang hineingebannt ist. In der Kriegsgeschichte ist man so auf ge- 
wisse Fälle aufmerksam geworden, bei denen die leitenden Feldherren 
sich in auffällige Irrtümer, insbesondere völlig willkürliche Voraus- 
segungen über das Verhalten des Gegners, unmotivierte Überschägun- 
gen desselben usw. verirrt haben: wunderbar können diese Tatsachen nur 
demjenigen erscheinen, der vergißt, daß der Betrachtende, aller Verant- 
wortlichkeit und aller drängenden Hast entzogen, mit Notwendigkeit ein 
ungetrübteres Urteil hat als der Handelnde. 
36. Die Bedeutung des objektiven Geistes. 
Inhalt: Der Wirkungszusammenhang der Gruppe knüpft zwar an die mensch. 
lichen Neigungen an, vermag sie aber besonders durch die Wechselwirkungen zwischen 
Zuschauern und Handelnden teils umzubiegen, teils bis zu Leistungen zu entwickeln, 
die aus dem eigenen Antrieb des einzelnen handelnden Menschen nicht hervorgehen 
würden. Träger dieses Geistes sind teils über- teils, unpersönliche Gebilde. Insbeson- 
dere können wir an ihm drei Arten von Wirkung feststellen: die Fixierung, die Iso- 
lierung und die Verdichtung. 
1. Die Betrachtungen des vorigen Paragraphen über die Bedeutung 
der Rollenteilung für das Leben der Gruppe überzeugen uns von der 
Macht, die ein rein formaler Tatbestand im sozialen Leben 
ausüben kann. Dieser bestand dort in der jeweiligen Gliederung der 
Gruppe in Handelnde und Zuschauer, der Übermacht der Zuschauer über 
die Handelnden und der Fähigkeit des Menschen zum „Rollenwechsel“, 
d. h. seiner Eigenschaft je nach der Situation ganz verschiedene Haltun- 
gen anzunehmen. Durch diese Macht der Situation kann der Mensch in 
seinem Verhalten in bestimmte Bahnen gelenkt werden, die keiner frei- 
willig betreten würde. Träger dieser Macht ist der Gruppenwille, d. h. 
mehr oder weniger alle Genossen, die sich jeweils nicht in der Rolle des 
Handelnden befinden. Er bildet nur einen besonderen Fall dessen, was 
wir früher ($ 27,4) als in der Gruppe wirksamen objektiven Geist kennen 
gelernt haben. Dieser ist von den einzelnen Mitgliedern der Gruppe 
relativ unabhängig. Er fließt zwar aus der Natur der Mitglieder, kann 
aber in aktuellen Situationen gegebenenfalls zu deren Neigung mehr 
oder weniger in Gegensag stehen, und zwar nicht nur zu derjenigen 
der Handelnden, sondern in manchen Fällen vermöge seines normativen
	        
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