Die Bedeutung des objektiven Geistes.
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Charakters oder überhaupt seiner Beharrungstendenz auch zu derjenigen
der Zuschauer ($ 27,,). Von seiner geheimnisvollen Zweckmäßigkeit
haben wir soeben eine Probe kennengelernt. Die Art, wie kraft jenes
Mechanismus die Menschen sich gegenseitig treiben, drängen und diszi-
plinieren, wie überall objektive Ordnungen über ihnen schweben, von
ihnen geschaffen aber nicht wieder zerstörbar für sie, kann man wohl
als das größte Wunder der Welt bezeichnen. Auf ihm beruht alle Mög-
lichkeit der unermeßlichen Entwicklung, die die Menschen von ihren An-
fängen an zurückgelegt haben. Die Menschheit als Ganzes kann man
sagen gleicht dem Münchhausen, der sich selbst an seinem Schopf aus
dem Sumpf gezogen hat. .
Im folgenden wollen wir die Wirksamkeit des objektiven Geistes
etwas weiter verfolgen. Um mit dem einfachsten Fall zu beginnen, schon
in der bloßen Vereinigung zweier Personen zu irgend einer gemeinsamen
Tätigkeit liegt für beide bereits eine erziehende Kraft. Wir meinen den
Fall, in dem eine stillschweigende oder ausdrückliche „Verabredung“ be-
steht, vermöge deren die Tätigkeit eben als eine gemeinsame Tätigkeit
(im Gegensag zu einer Tätigkeit der einzelnen) gewollt ist. Wir haben
die Grundform des sozialen Verhaltens, die hier in Frage kommt, früher
($ 20,3) allgemein als Kooperation bezeichnet, d. h. als ein Verhältnis,
das ein Ineinandergreifen der verschiedenen Beteiligten nach einer festen
Ordnung und gemäß der übereinstimmenden Anerkennung dieser Ord-
nung verlangt. Aus einer jeden derartigen Vereinigung, wie sie hier ge-
meint ist, erwächst eine Art Nötigung, sich zu einigen über den Ort, die
Zeit und die Art des Unternehmens. Damit wird dieses der persönlichen
Willkür entrückt: an die Stelle des persönlichen Beliebens tritt ein objek-
tiver Antrieb, der als solcher wertvoller ist. Solange eine Mahlzeit allein
zenossen, ein Spaziergang allein ausgeführt wird, findet das Individuum
gegen seine eigene Willkürlichkeit und etwaige Indolenz keine Hem-
mung. Anders bei einer Gemeinsamkeit. Hier muß man sich einigen;
und ist einmal die Einigung wenn auch in der lockersten Form erfolgt,
30 wird jeder von ihrer Verlegung durch den anderen peinlich berührt
werden. Aus der Situation erwächst so eine Art von wohltätigem Zwang.
Besonders deutlich erkennt man das an der Eigenschaft der Pünktlich-
keit. Sie ist, kann man sagen, eine eminent soziale Eigenschaft. Der
für sich allein nach seinem Belieben Lebende hat wenig Antrieb zu ihrer
Beobachtung; von zwei gemeinsam lebenden oder handelnden Per-
sonen aber kann nicht mehr jede sich über die Ordnung der Zeit hinweg-
segen; und wenn es die eine tut, so wird es die andere leicht als Rück-
sichtslosigkeit empfinden. Entsprechendes gilt für jede Art gemein-
samer Arbeit, z. B. für zwei Schmiede, die mit wechselndem Takt
arbeiten und die sich gegenseitig nach einander oder besser gesagt beide