Object: Gesellschaftslehre

204 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
Tier ist in seiner Lebensführung in der Hauptsache durch relativ 
starre Instinkte bestimmt. Beim Menschen aber treten neben 
solchen Instinkten eine Reihe von plastischen Trieben amvf. 
Der menschliche Leib ist schon an sich ausgezeichnet durch die Viel- 
zeitigkeit der möglichen Bewegungen und Leistungen; ferner ist er ent- 
lastet durch Werkzeuge und durch die Möglichkeiten gegenseitiger Hilfe, 
welche die Geselligkeit gewährt: so verlieren die eigentlichen Instinkte 
viel von ihrer bisherigen Bedeutung. Teils wird Raum für eine andere 
Art von Anlagen, teils erhalten auch die eigentlichen Instinkte wenig- 
stens zum Teil einen beweglicheren Charakter. Das Greifen z. B. be- 
ruht gewiß auch auf einem Instinkt, aber in wie verschiedener Richtung 
kann es entwickelt werden. Ebenso ist der Nahrungsinstinkt in seinem 
[nhalte unermeßlich viel variabler als bei irgend einem Tiere. Und Ähn- 
liches gilt auch vom Sexualinstinkt, auch ganz abgesehen von der un- 
begrenzten Entwicklungsfähigkeit der seelischen Begleiterscheinungen. 
Dazu kommen nun die plastischen Triebe; ihre Eigentümlichkeit be- 
steht darin, daß sie als Anlage einen rein formalen Charakter haben, in 
ihrem Inhalte aber durch die jeweilige Umgebung bestimmt werden. So 
zibt es eine angeborene Tendenz zur Nachahmung; was aber nach- 
zeahmt wird, ist dadurch nicht bestimmt. Ähnlich steht es mit dem 
Selbstgefühl, dem Mitgefühl, der Anlage zur Suggestion usw. Man sieht, 
der ganze Inhalt des Seelenlebens und die ganze Art der Lebensführung 
hängt hier in hohem Maße von dem ab, was dem Einzelnen von außen 
dargeboten wird. Der wichtigste Teil dieses Dargebotenen aber besteht 
in dem, was wir als Inhalt der Tradition bezeichnen, in all den An- 
schauungen, Werturteilen, Stimmungen, Interessen, überhaupt all den 
geistigen Inhalten, die innerhalb einer Gesellschaft existieren. Die 
Existenz der Tradition gestattet eine ganz andere und vollkommenere 
Art der Entwicklung, als sie den Tieren möglich ist. Diese sind durch 
ihre starren Instinkte in die Schranken ihres Leibes gebannt. Sie sind 
vollständig von ihrer angeborenen Körperorganisation in ihrem Ver- 
halten und ihren Leistungen abhängig. Eine Entwicklung der Art, eine 
Umbildung irgendwelcher Eigenschaften ist bei ihnen nur möglich als 
Entwicklung des Körpers. Der Mensch hingegen ist von diesen Schran- 
Ken befreit; ihm sind ganz neue Möglichkeiten eröffnet durch die Tat- 
sache der Plastizität der Anlagen. Wäre er ein ungeselliges Wesen, so 
würde ihn diese Plastizität zwar auch von den übrigen lebenden Wesen 
unterscheiden. Aber sie würde ihm nicht über kleine Anläufe der Ent- 
wicklung hinaushelfen. Denn mit dem Tode würde das Gewonnene sich 
in nichts auflösen, und die Entwicklung müßte mit jedem neuen Wesen 
von vorn beginnen. Eine volle Ausnugung der hier vorhandenen An- 
lagen wird erst ermöglicht durch die Tatsache der Tradition: durch sie 
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