Die Bedeutung des objektiven Geistes.
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sten Einflüssen bestimmt sich dieses Vorzuges nicht zu rühmen vermag. Im Bereich
der modernen Kultur oder allgemeiner gesagt da, wo patriarchalische Verhältnisse
aufgehört haben, vermag ferner der lebendige Mensch den Unterordnungstrieb nie
in 80 vollkommener Form in Bewegung zu seen wie sachliche Anforderungen und
Interessen. Ein bestimmtes Ziel unternehmerischer Tätigkeit z. B. oder der Geist
eines Unterrichtssystems oder ein Inbegriff politischer Aufgaben, der aus einer be-
stimmten Situation erwächst, alle diese sachlichen Situationen vermögen sich auch
starken persönlichen Widerständen gegenüber auf die Dauer durchzusegen. Ständen
an ihrer Stelle Personen mit persönlichen Forderungen anderen Menschen gegenüber,
so wäre der Ausgang zweifelhaft: Menschen können sich erweichen, von ihren ur-
sprünglichen Absichten abbringen lassen, weil der Mensch zu vielseitig ist, um ledig-
lich Träger eines einzigen Zwecksystems zu sein. Die sachlichen Forderungen sind
aber gerade vermöge ihrer Einseitigkeit auf einer bestimmten Stufe der Kultur um
so viel‘ unerbittlicher. Die moderne Kultur unterscheidet sich auch in dieser Be-
ziehung einschneidend von ‚, patriarchalischen Verhältnissen tieferer Kulturstufen.
Dort sind die persönlichen Beweggründe gegenüber den ‚sachlichen Forderungen ver-
hältnismäßig viel stärker, und damit ist der persönlichen Beeinflussung ein viel
weiterer Spielraum gelassen.
Ebenso vermögen die unpersönlichen Gebilde auch die Funktionen der Fixie-
rung und der Verdichtung vollkommener auszuüben als überpersönliche Ge-
bilde, weil sie über die räumlichen und zeitlichen Schranken des Individuums er-
haben sind. Symbole, Gesege und Institutionen überdauern den einzelnen Menschen
und sind zum Teil auch einer räumlichen Ausbreitung zugängig, die ihnen unverhältnis-
mäßig größere Möglichkeiten der Entwicklung erschließt. Diese Überlegenheit er-
möglicht es ihnen auch, in viel höherem Umfange auf die Gesellschaft zu wirken, als
es dem einzelnen Menschen möglich wäre. Ein Reformator, der auf seine Persönlich-
keit beschränkt ist, vermag nur in deren unmittelbarem Umkreise zu wirken. Mit
seinem Tode erlischt seine Bedeutung in der Hauptsache oder wird nur durch einen
kleinen Kreis persönlicher Schüler in vermindertem Maße weiter ausgedehnt. Anders
wenn es ihm gelingt, seine schöpferische Tätigkeit zu objektivieren: die festen Formen
in Gestalt von Institutionen und Gesegen überdauern ihn. Die unbegrenzte Wirkungs-
möglichkeit der großen Kunstwerke beruht ebenfalls hierauf. Wollte der Künstler
seine großen Erlebnisse lediglich durch die Ausdrucksmittel der Sprache mündlich
mitteilen, so würde seine Wirkung, selbst wenn es ihm gelänge im Augenblick die
gleiche Tiefe des Eindruckes zu erzielen, rasch erlöschen. So aber hat die Menschheit
in der Kunst bestimmte Formen gefunden, in der große Erlebnisse so objektiviert
werden können, daß sie in dem empfänglichen Betrachter immer aufs neue wieder
wenn auch in abgeschwächter und modifizierter Form zum Leben erwachen können.
Literatur: Behandelt ist unser Problem bisher nur für zwei Teilgebiete, für
die Technik und die Sprache. a) Ernst Knapp, Grundlinien einer Philosophie der
Technik, Braunschweig 1877. — Ludwig Noir, Das Werkzeug und seine Be-
deutung für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, Mainz 1880. bh) Ludwig
Noire, Ursprung der Sprache. — Derselbe, Logos. Ursprung und Wesen der
Begriffe, Leipzig 1885. Lehrreich ist bei diesen älteren Versuchen sich die Funk-
iionen der Sprache und des Wortes klarzumachen das mühsame Ringen und Tasten
der Gedanken: mit der größten Umständlichkeit werden hier Gedanken mehr an-
gedeutet als klar vorgetragen, die wir heute in wenigen Sägen zusammenzufassen
vermögen, weil wir über vollkommenere Denk- und Ausdrucksmittel auf diesem Ge-
biete verfügen. Der Sachverhalt bildet somit selbst ein lehrreiches Beispiel für die
geistige Leistungsfähigkeit glücklich geschaffener Worte und Begriffe.