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Die Gruppe.
hergestellt und gleichsam auf seine Persönlichkeit zugeschnitten hat, der
durch den Gebrauch mit ihnen verwachsen ist und in einem Gemein-
schaftsverhältnis zu ihnen steht. Der Boden dagegen ist überwiegend
Gruppeneigentum. Doch liegen auch hier die Verhältnisse verschieden,
und zwar so, daß sie sich dem jeweiligen Bedürfnis anschmiegen. Bei
Jägerstämmen ist durchweg das ganze Land unaufgeteiltes Gruppeneigen-
tum, das jeder benugßen kann. Bei den Hackbauern Melanesiens ist das
Land aufgeteilt an die einzelnen Sippen, die die einzelnen Bezirke als
Gruppeneigentum besitggen. Soweit es von den einzelnen Familien inner-
halb der Sippe angebaut wird, untersteht es für die Dauer der Bestellung
der freien Verfügung der jeweiligen Teilgruppe.
3. Wohl am stärksten ist der gentilizistische Typus ausgeprägt auf
dem Gebiet der Moral und des Rechtes. Bei ihm haften die Grup-
pen solidarisch für den Einzelnen im stärksten Gegensag zu unserem sitt-
lichen Empfinden, das eine persönliche Verantwortung kennt. Indem die
Gruppe auch von anderen Gruppen als eine Einheit aufgefaßt wird, wird
das Verhalten jedes ihrer Mitglieder in erster Linie nicht auf seine Per-
son, sondern auf seine Gruppe bezogen und dieser im Guten wie im
Bösen zugerechnet. Eine Folge dieser solidarischen Haftbarkeit der
Gruppe ist, daß diese ihrerseits über das Benehmen jedes Einzelnen mit
einer Sorgfalt wacht, die uns individualistischen Menschen als ein un-
erhörter Druck erscheint. „Bei den Kayan“, so heißt es in einem vor-
trefflichen Reisewerk von einer Gruppe malaiischer Stämme im Innern
Borneos!), „herrscht das Prinzip der Kollektivverantwortlichkeit der
Hausgenossen sowohl gegenüber der Geisterwelt wie gegenüber anderen
Gemeinschaften. Diese Tatsache verleiht jedermann ein Interesse an dem
guten Benehmen seiner Genossen und entwickelt gleichzeitig in ihm selbst
ein Gefühl für die Pflichten, die er gegen seine Gemeinschaft hat.“ Ähn-
lich macht eine andere Quelle darauf aufmerksam, daß bei den melane-
sischen Stämmen eine individuelle Moral kaum vorhanden ist, vielmehr
nur eine Gruppenmoral und eine Gruppenverantwortlichkeit ausgeprägt
ist, weil die Umgebung fast immer die Sippe verantwortlich macht statt
des einzelnen Täters und selbst im entgegengesetten Fall die Sippe oft
die weiteren Folgen tragen muß, z. B. Buße zahlen für einen Diebstahl”).
Wer fühlte sich hier nicht besonders an unsere Offizierskreise, Studenten-
verbindungen und ähnliche enge Zusammenschlüsse erinnert?
Die Gruppenmoral hat zum Ziel lediglich das Ge dei hen der
Gruppe, nicht dasjenige des Individuums. Denkbar wäre
freilich auch das Gerenteil: eine Gruppe könnte bei hinreichender Wert-
1) Hose and Mc Dougall, The pagan tribes of Borneo II, 194.
2) Seeligmann, The Melanesians 5S.. 565.