Full text: Gesellschaftslehre

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28 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschatt. 
können wir sagen, strebt der Mensch danach, einen möglichst hohen Wert 
zu besigen. Wollen wir dabei aber nicht Ausnahmefälle ins Auge fassen, 
die sich aus besonderen Komplikationen ergeben, so dürfen wir nicht an 
jenes Streben nach Selbstvervollkommnung denken, bei dem der Mensch 
nur sich selbst oder seinen Gott als Richter anerkennt und von seiner 
Umgebung völlig absieht. Dieser innerlich isolierte Mensch tritt nur in 
hochentwickelten Kulturen auf, und auch da ist seine Ablösung von 
seiner Umgebung niemals vollkommen. Man muß vielmehr an diejenigen 
Erscheinungen des Selbstgefühls denken, wie sie beim Kinde und bei ein- 
facheren Kulturen beobachtet werden können. In solchen einfachen oder 
ursprünglichen Verhältnissen tritt der Trieb in idealtypischer Reinheit 
oder ihr nahekommender Weise auf. Hier ist das Ziel für das Streben 
nach Vollkommenheit durch die Umgebung, insbesondere durch 
die Gruppe, bestimmt; auch die Frage, wie weit dies Ziel erreicht 
ist, wird hier von der Gruppe entschieden. Das ist jedoch nicht so zu 
verstehen, als ob die einschlägigen Anschauungen und Urteile der Gruppe 
dem Betroffenen von außen entgegentreten und von ihm als etwas Äuße- 
res, ihm selbständig Gegenüberstehendes empfunden würden, von dem 
sich seine eigenen sonstigen Anschauungen und Urteile als sein Eigenes 
abheben. Charakteristisch ist vielmehr, daß die Anschauungen und Ur- 
teile der Gruppe zugleich als die eigenen erlebt werden. Das 
Individuum will kraft seines Triebes etwas sein. Dieses Sein aber ver- 
körpert sich in solcher Auffassung der Gruppe, die zugleich seine eigene 
ist. Abhebungen und Auflehnungen des Individuums gegenüber dem 
Gruppenurteil in Gestalt selbständiger Urteile sind gewiß schon auf an- 
dern Kulturstufen als unserer eigenen möglich, haben aber nur be- 
schränkten Umfang. Das ist schon darum eine Notwendigkeit, weil sich 
der Blick des Menschen ursprünglich zuerst nach außen und nicht nach 
innen wendet. Welches sein Wert ist, erfährt er daher ursprünglich von 
der Gruppe, nicht von seiner eigenen Urteilskraft. Der Mensch lebt ur- 
sprünglich nicht in sich, sondern in anderen, insbesondere in seiner 
Gruppe. Wertvoll sein und für wertvoll gelten, ist ur- 
sprünglich eins. — Man könnte versucht sein, den Instinkt des Selbst- 
bewußtseins zu charakterisieren als das Streben, als möglichst wertvoll 
von der Gruppe anerkannt zu werden. Aber diese Formulierung würde 
auseinanderreißen, was ursprünglich eins ist, nämlich das Bewußtsein an- 
erkannt zu sein und das Bewußtsein wertvoll zu sein. Beides sind von 
Haus aus nicht zwei verschiedene Sachverhalte, sondern ein und dasselbe. 
Im ganzen können wir an dem oben angedeuteten Sachverhalt zwei 
Seiten unterscheiden. Nämlich erstens das Streben nach Voll- 
kommenheit und die Empfänglichkeit für den eigenen Wert, gleich- 
viel in welcher Weise der Inhalt dieses Wertes durch die gegebenen Ver-
	        
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