Gentilizisemus und Individualismus.
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es gibt schon bei den australischen Eingeborenen berühmte Dichter. Auf
dem Gebiet des Liedes existiert neben dem anonymen Volkslied mit
seinem steten Wandel der Form der Typus, daß neue Lieder auftreten
und in ihrer Form wenigstens zeitweilig festgehalten werden; und diese
schöpferische Leistung findet persönliche Bewunderung. — Ein anderer
hierher gehöriger Typus ist der, daß persönliche Urheber für geistige
Neuerungen keine Anerkennung finden, sondern sich zur Durchsegung
ihres Standpunktes hinter ihre Gruppe verstecken müssen. Im Mittel-
alter konnte so eine neue Rechtsauffassung sich nur zur Geltung bringen,
wenn sie sich nicht für neu sondern für Wiederherstellung eines ver-
schütteten alten Rechtes ausgab. Und ähnlich treten in der chinesischen
Philosophie in der späteren Zeit neue Gedanken nicht als solche, sondern
als Erneuerungen alter vergessener Standpunkte auf.
6. Endlich betrachten wir noch das Gebiet der Weltanschau-
ung. Wenn in der Geschichte unseres geistigen Lebens die Entwicklung
der Weltanschauungen als stärkste Betätigung der Autonomie erscheint,
so ist das nur auf dem Boden des modernen Individualismus möglich.
Auf der Stufe des „gebundenen“ geistigen Lebens dagegen ist die Welt-
anschauung eine Angelegenheit der Gruppe. Sie hat nicht nur kollek-
tiven Charakter, d. h. es gibt nicht nur eine einheitliche Weltanschauung,
lie von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben wird, sondern sie zählt
auch zu dem Bekenntnisgut der Gruppe ($ 33,3): die Gruppe fühlt sich
für sie verantwortlich und betrachtet sie als ihr Werk; ihr Selbstgefühl
und ihre Ehre ist mit ihr verknüpft, und auffällige Abweichungen von
ihr gelten als Kegerei. Wir weisen hier nur auf eine Eigenschaft dieses
Gruppengebildes hin: auf ihren optimistischen Charakter.
Pessimistische Weltanschauungen, wie sie in den Erlösungsreligionen oder
bei den Propheten vorkommen, sind durchweg individualistische Schöp-
fungen. Von Gruppen können sie nur dann getragen werden, wenn diese
ausnahmsweise die biologischen Werte verneinen, also nach Art gewisser
Sekten einen asketischen oder wenigstens weltabgewandten Charakter be-
;igen. Die Gruppen, die wir hier in erster Linie im Auge haben, die
historisch wichtigen nach Art von Sippe, Stamm und Nation, können nur
optimistische Weltanschauungen besigen. Ein erster Grund dafür liegt
in der ungleichen Sozialisierbarkeit von Freud
and Leid. Ein unglücklicher Krieg z. B. kann zur Vernichtung eines
Staates führen, und damit ist ihm überhaupt die Möglichkeit abgeschnit-
ten, auf das Gruppenbewußtsein Einfluß auszuüben. Allgemein werden
unglückliche Ereignisse eine Stammes häufig mit Gedrücktheit und Passi-
vität verbunden sein, während freudige zur Geselligkeit, Festlichkeit
und Verherrlichung anregen, dem Schag der Tradition einverleibt wer-