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Die Gruppe.
den und so einen Teil des Kollektivwissens ausmachen. Auch für die in-
dividuellen Erlebnisse gilt Entsprechendes. Die von Lebensfreude er-
füllten in der stärksten Entfaltung befindlichen Bestandteile der Gruppe
zeigen eine viel stärkere Tendenz, den Gruppencharakter und die ganze
Denkweise zu bestimmen als die entgegengesetgten. Zunächst findet ‘der
Freudige viel leichter Teilnahme als der Traurige und Unglückliche:
ferner sucht der Freudige viel mehr die Geselligkeit auf als der legttere.
Der Erfolgreiche, Starke und gesellschaftlich Tüchtige verschafft sich
weiter eine gute gesellschaftliche Stellung, Ansehen und Einfluß, wäh-
rend der Kranke, Schwache und Untüchtige beiseite steht. Als Grenzfall
der schwachen Elemente kann man die Toten betrachten. Wenn man sich
das Urteil über den Wert eines erlebten Krieges bildet, so können die
Toten, die ihm zum Opfer gefallen sind, nicht mitreden; und die
Krüppel und Verarmten sprechen ebenfalls wenig mit. Allgemein kann
man sagen: die öffentliche Meinung wird durch die starken und erfolg-
reichen Elemente bestimmt. Ein einziger erfolgreicher Erfinder beein-
flußt Phantasie und Denken eines ganzen Volkes viel mehr als Hunderte
dabei gescheiterter Existenzen. Durch seinen Erfolg rückt das begünstigte
Individuum in die Reihe der Vorbilder ein, die die Seele des Volkes stark
beschäftigen und sein Lebensbild in erster Linie mitbestimmen. Umgekehrt
sprechen die Leiden der Verbrecher oder Prostituierten bei diesem Le-
bensbilde so wenig mit, weil von den minderwertigen Teilgruppen der
Mensch eine Tendenz hat sich innerlich abzuwenden.
7. Zum Schluß werfen wir noch einen Blick auf den Gesamt-
charakter des gentilizistischen Typus, indem wir ein paar typische
Züge desselben betonen. Der erste ist eine weitgehende Uniformi-
tät der Mitglieder der Gruppe. Eine solche besteht von Haus aus min-
destens in allen Lebensgemeinschaften als unmittelbare Folge der engen
Beziehungen, die hier alle verknüpfen. Sie begünstigt ihrerseits in nahe-
liegender Weise die Erhaltung des gentilizistischen Charakters; denn sie
erleichtert das Erfassen des Allgemeinen, d. h. der Gruppe, während
weitgehende individuelle Verschiedenheiten den Blick auf die einzelne
Person lenken und dadurch die Gruppe verdecken würden. Umgekehrt
begünstigt das „Gruppensehen“ (d. h. das Erfassen der Gruppe im In-
dividuum) wiederum die Uniformität in der Gruppe. Man muß sich
dabei klarmachen, in wie hohem Maße die Gestaltung der Persönlichkeit
abhängt von der Art, wie diese von ihrer Umgebung aufgefaßt wird.
Man kann in dieser Beziehung geradezu sagen: wenn jemand die Eigen;
schaften, die ihm von seiner Gruppe zugeschrieben werden, nicht von
Haus aus besigt, so werden sie dadurch in ihn hineingeredet und hinein-
yehandelt. Man kann jemanden auf die Dauer nicht als einen beschränk-