Gentilizisemus und Individualismus.
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haben, begünstigt es also, daß Sinn und Gehalt des Gruppenlebens von
den einzelnen Erlebnissen gleichsam abgelöst und zu einem eigenen Ge-
bilde verdichtet wird. Indem das Dasein der Gruppe durch sinnliche
Symbole anschaulich demonstriert wird, wird das Individuum in der
Überzeugung von ihrem Wert und ihrer Wichtigkeit bestärkt und das
Eigenleben der Gruppe gekräftigt.
Für die Besinnung auf die Art und den Wert der eigenen Gruppe ist ihre
Abhebung von anderen Gruppen, d.h. jede Berührung mit anderen Grup-
pen, bei der in diesen eine andere als die eigene Eigenart erfaßt wird, förderlich.
50 wird das Selbstbewußtsein eines Stammes gehoben durch seine Berührung mit
fremden oder mit befreundeten benachbarten Stämmen. Dasselbe gilt für das Natio-
2albewußtsein: auch dieses entwickelt sich nicht nur von innen heraus infolge stärkerer
gegenseitiger innerer Verknüpfung der Teile, sondern namentlich auch durch Be-
rührung und Auseinandersegung friedlicher oder feindlicher Art mit anderen Na-
tionen. Wohl bemerkt ist hier nur das Bewußtwerden und nicht das Entstehen des
Gruppenselbstbewußtseins gemeint. Dieses hat ursprünglich nur einen emotional-prak-
tischen Charakter; die Vorstellungsseite ist sekundär, und von ihrer Entwicklung ist
hier die Rede. Dabei kann freilich die Besinnung auf die eigene Art dann auch die
Stärke des Selbstgefühls nachträglich steigern. — Zum Schluß noch ein paar Beispiele
aus dem modernen Leben für die in Rede stehenden Eigenschaften des gentilizistischen
Typus. Bei den studentischen Verbindungen finden wir eine große Gleichförmigkeit
des ganzen Verhaltens bei den einzelnen Mitgliedern, über das ein peinlicher Kom-
ment sorgsam in allen Einzelheiten wacht, ebenso ein starkes Abheben nach außen
in Gestalt eines ausgesprochenen Standesbewußtseins, für das gewissermaßen die
ganze Welt in die beiden Gruppen der zugehörigen und der nichtzugehörigen Wesen
zerfällt, und weiter eine enge Geselligkeit. Wesentlich ist hier auch die Bedeutung
einzelner Symbole und Attribute des gemeinschaftlichen Lebens wie der Couleur und
des Verbindungshauses, -dieners und -hundes. Sie verstärken das Bewußtsein der
Zusammengehörigkeit, vor allem aber das Bewußtsein einer objektiven Existenz der
Verbindung, wie sie anderseits auch die Abhebung von der übrigen Welt begünstigen.
Noch mehr gilt Entsprechendes von dem Offizierkorps: Abhebung wie Uniformität
ind hier vielleicht noch stärker entwickelt. Für die lettere ist besonders die Uni-
form charakteristisch, bei der man wiederum klar erkennen kann, wie sie die in Rede
stehenden Eigenschaften begünstigt: sie sondert schon äußerlich für den Träger so-
wohl wie für die Fremden den Offizier von den übrigen Kreisen der Bevölkerung ab.
Und sie erschwert gleichsam ihren Trägern, das Bewußtsein der Ungleichheit der
sinzelnen Mitglieder überhaupt in sich aufkommen zu lassen: in der Uniform trägt
jeder Einzelne das Ganze in sich und an sich und trägt es zur Schau. Sie erinnert
ihren Träger fortwährend an seine Zugehörigkeit zur Gruppe und damit auch an
;eine Pflichten ihr gegenüber. Es ist kein Zufall, wenn man von Pflichten gegen die
Uniform spricht, bei deren Verlegung zugleich in der Uniform die ganze Gruppe mit
entehrt würde.