Full text: Gesellschaftslehre

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Die Gruppe. 
38. Die Eigenschaften der Masse. 
1. Eine verbreitete Anschauung behauptet, daß die „Gruppe“ (oder 
Masse) auf einem niedrigeren intellektuellen und überwiegend auch auf 
einem niedrigeren moralischen Niveau steht als die zugehörigen Indivi- 
duen, so lange sie sich als Einzelwesen betätigen. In moralischer Hin- 
sicht soll jedoch gelegentlich auch das Gegenteil eintreten, indem z. B. 
Volksanhäufungen bei Revolutionen vorübergehende Anwandlungen von 
Edelmut verspüren können. Im übrigen aber, heißt es, kann man jene 
Erniedrigung überall an den Akten der Volksjustiz, bei Straßenszenen, 
bei Revolutionen, Volksseuchen oder Kriegen beobachten: überall ist 
die Masse leichtfertig in ihrem Urteil und vorschnell in ihren Handlun- 
gen. Ebenso stehen die Leistungen eines Kollegiums denen eines. ein- 
zelnen Beamten nach. Die politischen Parteien ferner sind gewissen- 
loser und unbesonnener als der einzelne Staatsbürger, wie man an der 
Art der Entstehung der öffentlichen Meinung erkennen kann. 
Diese ganze Anschauung klingt auf den ersten Blick einleuchtend und 
erfreut sich selbst bei gebildeten und klugen Köpfen weiter Verbreitung. 
Bei näherer Prüfung stößt man jedoch auf ein ganzes Nest von Un- 
klarheiten, Irrtümern und falschen Grundanschauungen. Dabei kann man 
die Auffassung nicht als falsch schlechtweg bezeichnen. Und gerade diese 
Mischung von Falschem und Richtigem erschwert ihre Richtigstellung und 
macht sie in ihrer Wirkung umso gefährlicher. 
Was dabei unter Masse und Gruppe zu verstehen ist (Le Bon spricht 
mit Vorliebe von der ersteren, Simmel von der zweiten), bleibt be- 
zeichnenderweise in einer gewissen Unklarheit. Die Beispiele und auch 
die systematischen Erörterungen über den Begriff zeigen bei Le Bon, 
daß er nicht nur an Straßenaufläufe und Volksversammlungen, sondern 
auch an Kollegien, Parlamente, Kasten, Klassen eines Volkes, ebenso 
auch an die breiten Massen der höheren Völker, ja endlich auch an 
die Träger der nationalen geistigen Bewegungen und Tendenzen, also 
an das Volk als Kulturgemeinschaft denkt. Masse ist für ihn nahezu 
der ausschließende Gegensag zum Individuum. Ähnliches ergibt sich für 
Simmel aus seinen Beispielen. 
Prüfen wir zunächst die Theorie in ihrer Darstellung bei Le Bon, 
so stoßen ‚wir sofort auf verhängnisvolle Fehler. Ein Vergleich 
zwischen dem Einzelnen und der Gruppe ist natürlich nur dann beweis- 
kräftig, wenn beide unter denselben Bedingungen stehen, 
wenn also alle übrigen Umstände bei beiden gleich sind, wenn insbeson- 
dere der zu vergleichende Einzelne nach seinem Wesen und seinen Eigen: 
schaften der Klasse von Individuen angehört, aus der die Gruppe sich
	        
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