Full text: Gesellschaftslehre

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Die Gruppe. 
sen der Affekte, der Anschauung und der Analogie aufbaut; und wie 
Ähnliches auch für unsere Bewertung und unsere Handlungen gilt*). 
In anderen Fällen kann man wohl von einer Senkung des Kollek- 
tivverhaltens unter das durchschnittliche Niveau der einzelnen Beteilig- 
ten sprechen; jedoch findet sie ihre einfache und natürliche Erklärung 
in den Hemmungen, die diese bei einem Zusammenwirken vielfach auf- 
einander ausüben. Wir meinen den Mechanismus der Majoritätsbeschlüsse 
mit ihrem bekannten Kompromißcharakter, der soviel individuelle Initia- 
tive und Fähigkeit an der Entfaltung hindert. (Die Beispiele, die Simmel 
in seinen „Grundfragen der Soziologie“ (S. 42) für den in Rede stehen- 
den Satz anführt, gehören zum großen Teil hierher.) Die Senkung des 
Niveaus ist hier gewiß Tatsache, aber mit einer geheimnisvollen Ver- 
wandlung der seelischen Beschaffenheit der Beteiligten hat sie nichts zu 
tun. In andern Fällen wieder kann man wohl von einem niedrigen 
Niveau des Verhaltens sprechen, aber dieses ist von der Kopfzahl, ja 
überhaupt von der Existenz der Mehrheit der Personen gänzlich unab- 
hängig. . Die in Rede stehende Theorie nimmt gänzlich willkürlich und 
ohne Grund an, daß sich ein einzelner Mensch in der betreffenden Lage 
besser benehmen würde als eine Masse.‘ Wir wiesen eben darauf hin, 
daß ein einzelner Geschworener schwerlich besser urteilen würde als 
ein Dugßend. Bei einem Brande pflegt ein einzelner Mensch im allgemei- 
nen ebenso kopflos zu handeln als eine von einer Panik erfaßte Masse: 
Die „Panik“ haftet also gar nicht an der Existenz einer Mehrzahl von 
Menschen. — Max Weber spricht einmal in seiner Schrift „Wissenschaft 
als Beruf“ davon, welche unglaublich äußerlichen und nebensächlichen 
Eigenschaften über den Erfolg eines Universitätslehrers als Lehrer bei 
der Studentenschaft entscheiden. Glaubt man im Ernst, nur das Zu- 
sammenwirken einer Mehrzahl von Personen sei an dieser Irrationalität 
der Beurteilung schuld, meint man wirklich, ein einzelner Mensch beur- 
teile im Durchschnitt eine Persönlichkeit rationaler? 
Sichergestellt ist eine Erniedrigung bei dem Eintritt in die Kollek- 
tivität nur für Individuen, die nach ihrer Veranlagung über dem Durch- 
schnitt‘ stehen. Im übrigen ist aber zu unterscheiden zwischen ursprüng- 
licher Niedrigkeit, die auch dem Einzelnen von Haus aus anhaftet, und 
Erniedrigungen, die erst durch den Tatbestand der Kollektivierung her- 
vorgerufen werden. Unter diesem Gesichtspunkt muß die ganze Lehre 
einer Revision unterzogen werden. In vielen Fällen ist die populäre 
Auffassung umzukehren: es wird nicht in der Gruppe das gewöhnliche 
Niveau des Menschen erniedrigt, sondern es gibt umgekehrt einzelne ‚In- 
dividuen. die sich über dieses durchschnittliche Niveau erheben. Bei der 
1) Vgl. meine „Stetigkeit im Kulturwandel“ S, 40.
	        
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