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abgesehen von der inneren Förderung ein hoher Grad von wirtschaftlicher
und gesellschaftlicher Abhängigkeit: in den unteren Schichten werden
die Kinder nicht so früh wirtschaftlich selbständig wie heute, und um-
gekehrt sind im Alter die Eltern von ihnen abhängig; Ansehen und Miß-
achtung unter den Mitmenschen teilt auch hier der Einzelne noch in
höherem Maße mit der Familie und Verwandtschaft, weil er in der Regel
an demselben Orte bleibt und in den engeren Verhältnissen die öffent-
liche Meinung ihn von seiner verwandtschaftlichen Gruppe wenig son-
dert. Geblieben ist ferner ein enges Zusammenhalten unter den Ver-
wandten und ein hohes Maß von Autorität. < Alles in allem bedeutet auch
hier die Familie noch viel. Entsprechend stark sind die Bande, mit denen
sie den Einzelnen umschlingt.
Die Familie.
4. Alles das hat sich seit einem halben bis ganzen Jahrhundert von
Grund auf geändert. Es hat sich eine Art Auflösung der Fami-
Lie, freilich keine vollständige, seit jener Zeit vollzogen. Alle jene
Kräfte, die wir eben angeführt haben, sind geschwächt worden. Die
wirtschaftliche Abhängigkeit, wie eben schon angedeutet, ist namentlich
in den unteren Schichten geringer geworden. Ebenso ist die gesell-
schaftliche Stellung des Einzelnen selbständiger, weil der Ortswechsel
häufig geworden ist, und weil wenigstens in den Dimensionen der Groß-
städte der Einzelne überhaupt mehr in der öffentlichen Meinung von
seiner Verwandtschaft losgelöst ist. Ferner hat sich, wie oft betont wor-
den ist, der Betrag der wirtschaftlichen Arbeit im Haushalt gegen früher
sehr vermindert: es wird heute vieles fertig eingekauft, was früher im
Hause selbst produziert wurde. Die Familie leistet also auch in dieser
Beziehung viel weniger. Dafür hat im ganzen die Kraft der persönlichen
Beziehungen und damit die Stärke der gegenseitigen inneren Förderung
zugenommen. Zusammengefaßt: die moderne Familie ist in der Haupt-
sache nur noch Konsum- und Besig-, Muße- und Erziehungsgemeinschaft.
Jedenfalls ist die Verschiebung vom Sachlichen zum Persönlichen und
die Abnahme auf dem ersteren Gebiet gegen früher so erheblich, daß
es wunderbar wäre, wenn sie ohne Folgen für die Stärke des Familien-
sinnes geblieben wäre. Der bekannte Zurückgang des Familiensinnes,
die geringe Teilnahme, die heute Verwandte entfernteren Grades für-
einander hegen, die schwächere Autorität der Eltern gegenüber ihren
Kindern, die Klagen über den gestiegenen „Egoismus‘“ der Kinder, alles
das erklärt sich (abgesehen von allgemeinen Einflüssen der Zeit) zwanglos
aus der verminderten Leistung der heutigen Familie. Im Bereich des
äußeren Geschehens besteht zwischen Eltern und Kindern heute nicht
mehr das Verhältnis gegenseitiger Förderung mit einer gewissen zeit-
lichen Verschiebung, sondern ein Fürsor zeverhältnis, also ein