Full text : Gesellschaftslehre

450 Dieswichtigsten historischen Formen der Gruppe.
lich, d. h. aus den menschlichen Naturanlagen ableitbar; eine rätselhafte Wirkung des
Blutes kommt bei dem einen so wenig in Frage wie bei dem anderen.
Eine zweite irrige Auffassung bildet die bekannte entwicklungsgeschichtliche
 Auffassung der Ehe und der Gesellschaft.
 Danach ist deren ganze Entwicklung vom Sexualtrieb bestimmt.
Dieser erschafft zuerst, indem er sich unter dem Einfluß der „Sympathie“
veredelt, die Ehe. Die Nachkommenschaft läßt dann aus ihm — abermals
 unter dem Einfluß der „Sympathie“ — den Familientrieb hervorgehen.
 Und indem dieser sich dann auch entfernten Verwandten und
Nachbarn zuwendet, so erweitert er sich, sagt man, zum Geselligkeitstrieb
und schafft dadurch größere Vereinigungen über den Rahmen der Familie
 hinaus. Danach steht also am Anfang der Entwicklung die Familie
als einzige Gruppe; sie erweitert sich zur Großfamilie und diese allmählich
 zum Stamm. — Diese Auffassung ist sowohl psychologisch wie historisch
 verfehlt. Der Sexualtrieb bildet nicht die einzige, auch nicht die
vorwiegende Grundlage der Ehe, ebensowenig wie etwa das wirtschaftliche
 Interesse, vielmehr kommt beides und noch anderes zusammen. Die
Ehe bildet eine Lebensgemeinschaft, bei der ein ganzer Komplex von
Motiven verschmolzen ist. Ebensowenig kann man den Geselligkeitstrieb
 als erweiterten Familientrieb auffassen. Familiensinn und Gruppensinn
 sind eher Gegensäge, schon bei Tieren, auch bei den Naturvölkern,
 wo Männerbünde und Pflege des Familienlebens häufig in einer
gewissen Spannung zueinander stehen. Auch entwicklungsgeschichtlich
kann die Ehe nicht für älter gelten als der Stamm oder, wie man auch
sagt, die Horde. Die Lebensgemeinschaft, in die der Einzelne hineingestellt
 ist, umfaßt von Anfang an die ganze Horde, in die aber ebenso
ursprünglich die Einehe eingebettet ist ($ 15,5).

Literatur: Müller-Lyer, Die Familie (Entwicklungsstufen der Mensch:
heit Bd. 4). Meine Artikel: Ehe und Erotik im Handwb. der Sexualwissenschaft?
Theodor Geiger, Zur Soziologie der Ehe und des Eros im Ethos I 595 fig.
Alphonse Maeder, Ehe und Selbstentwicklung im „Ehe-Buch“ (herausgeg. v.
Keyserling). — Einzelfälle schildern die Bücher von Lafcadio Hearn (der freilich,
 wie das so häufig geschieht, als besondere Eigentümlichkeit eines einzigen Volkes
hinstellt, was in Wahrheit ein verbreiteter Typus ist) und Fustel de Coulanges,
 La cit& antique (übers. unter dem Titel: Der antike Staat, Berlin und Leipzig
1907). Vgl. auch Ernst Grosse, Die Formen der Familie S. 139 fg. — Die oben
erwähnte entwicklungsgeschichtliche Theorie vertritt Sutherland, Origin and
growth of moral sentiments, 2 Bde. (Treffende. Kritik von Otto Ammon in der
Zeitschr. für Sozialwissenschaften Bd. 3, S. 325 fg.) — Über den Antagonismus von
Familie und Gemeinschaftssinn beim Menschen siehe Heinrich Schurtz, Alters:
klassen und Männerbünde: für das Tierreich siehe Espinas, Die tierischen Gesell:
schaften.
            
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