452 . Die +wichtigsten historischen Formen der Gruppe.
Wir verweilen noch einen Augenblick bei dem Lebensschug, den die Sippen-
genossen sich gegenseitig gewähren. Wo der Staat die Strafe für die Tötung noch
nicht selbst in die Hand genommen hat, ist gerade diese Leistung von besonderer
Wichtigkeit. Wir sehen auch, wie sie mit der vorhin erwähnten Größe der Sippe
zusammenhängt: ein gewisser Umfang ist offenbar für sie nötig; derjenige der Fa-
milie und nächsten Verwandtschaft würde leicht zu klein sein. Dem sittlichen Gefühl
unserer Zeit erscheint die kollektive Ahndung einer Blutschuld, bei der statt der
schuldigen Person irgend ein anderer Sippengenosse herausgegriffen werden kann, als
eine Härte oder geradezu als eine Unsittlichkeit. Man muß aber an die starke Soli-
darität der Sippengenossen dabei denken. Sie hat zur Folge, daß jeder in seinem
ganzen Verhalten fortgesegßt von der Gruppe kontrolliert und verantwortlich gemacht
wird, wie umgekehrt auch für den Einzelnen wegen dieser gesteigerten Abhängigkeit
die Gruppe in viel höherem Maße tatsächlich verantwortlich ist (vgl. oben $ 37,)-
Man vergleiche die früher (S. 372) abgedruckte Schilderung dieser Kontrolle in einer
Darstellung der Eingeborenen Borneos. — Nach der wirtschaftlichen Seite hin würdigt
die Schwäche des Einzelnen als Grundlage der Gemeinschaft die folgende Darstellung
(Neuhauß, Deutsch-Neuguinea III, 93): „Die viel besprochene Gütergemeinschaft der
Papua hat ihren guten Grund. Zulegt liegt derselbe in der Hilflosigkeit des Einzelnen
wie im Wohl des Ganzen. Ein junger Mann vermag seine Frau nicht zu bezahlen,
seine Verwandten müssen das für ihn besorgen ... Bei genauer Betrachtung erscheint
die Gütergemeinschaft den Eingeborenenverhältnissen sehr gut angepaßt . . . Die Leute
einer Sippe müssen zusammenhalten und zusammen helfen. Der Einzelne kann sich
weder schüßen noch genügend ernähren.“
Die Bedeutung der äußeren Verhältnisse für unser Gebilde zeigen besonders
schön gewisse Rückbildungen. So hat sich im vorigen Jahrhundert bei den sogenannten
Bergweißen Nordamerikas, den Kolonisten im Appalachengürtel, der Kreis der Ver-
wandten bei der Schwäche der Staatsgewalt in diesen Gebieten zu einer Schußgemein-
schaft entwickelt, „die in ihren Grundzügen durchaus an die altgermanische Sippe er-
innert“ und insbesondere die Blutrache wieder entwickelt hatte in solchem Maße, daß
die Fehden oft mehrere Generationen andauerten (Ernest Bruncken, Die amerikanische
Volksseele S. 49 nnd 127).
2.Die Lokalgruppe umfaßt alle Ortsgenossen, soweit sie in
näherer persönlicher Beziehung zueinander stehen. Nur auf kleine Sied-
lungen findet wegen der legßteren Bedingung der Begriff Anwendung.
Über die Dörfer unserer Bauern und der Naturvölker hinaus kann bei
einer festen Siedlung von einer Lokalgruppe kaum gesprochen werden.
Anderseits gehören aber natürlich auch bei wandernden Stämmen die
Lagergenossen hierher. Namentlich nach drei Richtungen hin kann sich
Gemeinsamkeit oder Gemeinschaft entfalten. An erster Stelle in der
Muße: bei der täglichen Geselligkeit gewährt man sich gegenseitig An-
regung und Resonanz und damit innere Förderung. Ferner werden
auf dem wirtschaftlichen Gebiete gewisse Unternehmungen kollektiv
ausgeführt, wie das Roden der Felder, das Ernten und Dreschen usw.
Die typische Form dafür ist bekanntlich die sogenannte Bittarbeit, die
reihum geht: jeder einzelnen Familie helfen die gesamten männlichen
Ortsgenossen und werden dafür bewirtet. Endlich betätigt sich die