Full text: Gesellschaftslehre

454 Die ‚wichtigsten historischen Formen der Gruppe. 
nur solche, die über eine angesehenere gesellschaftliche Stellung, speziell 
einen gewissen Besig verfügen. Bei uns sind die Bünde zunächst von 
Haus aus im Volkstum heimisch; Überreste haben sich stellenweise auch 
in Westeuropa bis in die Gegenwart hinein erhalten. Ferner finden wir 
sie wieder in den bekannten Organisationen der Studenten und Schüler 
und in abgeschwächtem Maße überall da, wo, wie bei den Offizieren und 
manchen Beamtenklassen, eine enge Kameradschaftlichkeit oder Kolle- 
gialität zu Hause ist. 
Im Aufbau dieser Form der Gemeinschaft fehlen alle diejenigen 
Gegensäge und Spannungen des Alters, des Geschlechtes, der verschie- 
denen Sippen, der verschiedenen Berufsklassen und Stände, die die Ge- 
meinschaft der Familie und Sippen sowie diejenige des Staates überall 
durchsegen. Der Kampfinstinkt kommt demgemäß innerhalb dieser 
Form der Gemeinschaft im Gegensag zu den übrigen kaum zur Betäti- 
gung. Verbunden sind die einzelnen Mitglieder nur durch ihre Gleich- 
heit, nicht durch das Bedürfnis der Ergänzung. Jene Gleichheit aber ist 
in erster Linie eine solche des Wesens, nämlich des Alters und des Ge- 
schlechtes, zum Teil auch des Standes und des Berufes, in zweiter Linie 
auch eine solche der Erlebnisse. Jene Erlebnisse sind vorwiegend akti- 
ver, teilweise auch passiver Natur, vor allem nämlich Geselligkeit, Ver- 
gnügungen, festliche Veranstaltungen und gemeinsame Unternehmungen 
kriegerischer oder wirtschaftlicher Art. Besonders zu erwähnen sind die 
Aufnahmefeierlichkeiten und die ihnen vielfach vorausgehende Ausbil- 
dung. Bei den Naturvölkern ist beides mit der Pubertät verknüpft; so- 
wohl die vorangehende Ausbildung und Belehrung wie die eigentliche 
Feier selbst sind meist ebenso umständlich und ausgedehnt wie eindrucks- 
voll. Natürlich wirken derartige starke gemeinschaftliche Erlebnisse in 
hohem Maße vergesellschaftend. 
Als Hauptbeweggründe für Entstehung und Erhaltung der Männer- 
bünde — in erster Linie haben wir jegt die Jugendbünde im Auge — 
kann man die folgenden drei anführen: erstens die bekannte Unterneh- 
mungslust der Jugend, die sich im Spiel oder Ernst austoben will; zwei- 
tens ihr Selbstgefühl, das sie negativ zur Auflehnung gegen die Eltern, 
besonders die Mütter, zur Absonderung von ihnen und zur Gegenüber- 
stellung ihnen gegenüber antreibt. Endlich das rein seelische Bedürfnis 
der Resonanz, das angesichts der Unterschiede des Alters in der Familie 
keine hinreichende Befriedigung findet. Demgemäß gewähren sich die 
Genossen gegenseitig vor allem auf drei Gebieten eine Befriedigung: 
erstens eine seelische Förderung vermöge der Gleichartigkeit des We- 
sens und der Gleichheit der Erlebnisse; zweitens eine gesellschaftliche 
Förderung vermöge des Ansehens und der Macht des Ganzen; endlich 
eine praktische, vor allem durch Jagd, Raub und teilweise auch durch Ge-
	        
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