Full text : Gesellschaftslehre

Stände, Klassen und politische Parteien.

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Kreis verwandter Stämme eingeschlossen denkt. Auch die einzelnen
Stände besigen gewissermaßen die Gesamtkultur des Stammes oder der
Nation in einer besonderen Färbung, einem besonderen Dialekt. Auf
der legteren Tatsache beruht auch, abgesehen von den Spannungen der
Macht- und etwaigen Kampfverhältnisse, die innere Trennung zwischen
den einzelnen Ständen. Mit der legteren hängt es wieder zusammen,
daß die Existenz von Ständen dem Aufkommen des Nationalbewußtseins
hinderlich ist. Die persönlichen Beziehungen und die Geselligkeit innerhalb
 einer ständischen Gesellschaft sind natürlich ebenfalls auf den eigenen
 Stand beschränkt. Nur innerhalb eines solchen kann daher eine
Gruppengemeinschaft bestehen und besteht sie auch wirklich. Die Gleichheit
 der Kultur bildet dafür die wesentliche Grundlage. Neben der damit
gegebenen Gemeinsamkeit des Wesens wirken dahin auch die Gemeinsamkeit
 der Schicksale, gemeinsame Kämpfe, Nöte und Triumphe. Solche
gemeinsamen Schicksale sind vorhanden schon wegen der Wesens- und
Interessengegensäße und der sich daraus ergebenden Auseinandersetzungen
 zwischen den verschiedenen Ständen. Insbesondere fühlen sich
die Standesgenossen solidarisch verbunden, soweit Macht- und Kampfverhältnisse
 bestehen; in erster Linie gilt das natürlich von der Herrenklasse.

Im einzelnen betrachtet finden wir in Westeuropa seit Beginn des
Mittelalters zunächst den Adel, die Geistlichkeit und das Bauerntum,
jeden Stand mit charakteristischen Eigenschaften und besonderen Funktionen.
 Der Adel pflegt vor allem die gesellschaftlich-politische Seite
der Kultur durch Kämpfe, Verwaltung, Organisation und Repräsentation.
 Kampf- und Machtverhältnis sind, wie schon erwähnt, seine Domäne
 mit den spezifischen Tugenden des Herrenlebens und der Fähigkeit,
 in gleicher Weise sich unterzuordnen wie zu leiten. Der geistliche
Stand pflegt von Haus aus die geistigen Interessen und das Bauerntum
lie wirtschaftlichen, wobei das legtere in hohem Maße Eigenschaften
der primitiven Kulturen sich bewahrt hat. Hinzugekommen ist später
 der Bürgerstand. Im Gegensag zu den älteren Ständen ist er von
vornherein aus ungleichen Bestandteilen zusammengesegt. Er hat demzemäß
 keine Einheit seiner Funktionen, sondern in seinen verschiedenen
Bestandteilen wiederholen sich die vorhin genannten drei Funktionen:
das Beamtentum ist dem politisch-gesellschaftlichen Leben, die Kreise
der Intelligenz sind dem geistigen Leben und die erwerbstätigen Kreise
dem wirtschaftlichen Leben zugewandt. In seiner weiteren Entwicklung
 wird dieser Stand im Gegensatz zu der konservativen Grundhaltung
der übrigen der Träger eines weitgehenden Individualismus: er befreit
sich von der Herrschaft der Überlieferung sowohl auf dem theoretischen
wie dem praktischen Gebiet, huldigt dem Antitraditionalismus und dem
            
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