Full text : Gesellschaftslehre

460 Die, wichtigsten historischen Formen der Gruppe.
den für seine Verwirklichung angegebenen Mitteln: aus dem Ziel
spricht eine kollektivistische, aus dem Durchführungsplan dagegen eine
ausgesprochen individualistische Gesellschafts- und Lebensauffassung.
Die legtere bekundet sich schon in der großen Rolle des Gleichheitsgedankens.
 In der Behandlung des Gleichheitsproblems
scheiden sich nämlich, wie Spann treffend ausgeführt hat), die individualistische
 und kollektivistische Gesellschaftsauffassung in ausgesprochener
 Weise voneinander. Eine starke Neigung zum Gleichheitsgedanken
zeigt nur der Individualismus, und zwar sowohl in deskriptiver wie in
normativer Hinsicht, d. h. sowohl zum Gedanken der gleichen Veranlagung
 wie zur Forderung der gleichen Rechte. Er neigt insbesondere
dazu, angeborene Unterschiede zu bestreiten oder sie nicht als wertvoll
gelten zu lassen, als wertvoll vielmehr mur erarbeitete Eigenschaften anzuerkennen.
 Begreiflicherweise sträubt sich das individuelle Selbstbewußtsein
 gegen Ungleichheit da, wo keine innere Verbundenheit
zwischen den Einzelnen besteht. Hier gibt es nämlich keinen inneren
Ausgleich der individuellen Schwäche durch eine Gemeinschaft mit dem
stärkeren oder überlegenen Ganzen. Der Kollektivismus dagegen braucht
auf die Forderung der Gleichheit kein großes Gewicht zu legen, weil er
ein echtes „Teilhaben‘ des schwächeren Einzelnen an der Stärke anderer
oder des Ganzen kennt. Er legt statt auf Gleichheit auf Gerechtigkeit
 das Hauptgewicht, d. h. auf eine Behandlung, bei der jeder gemäß
seiner Bedeutung für das Ganze gewürdigt wird. Eine angemessene
Behandlung vom Standpunkt des Ganzen aus ist bei einem Zustande der
Gemeinschaft dazu angetan, auch den Einzelnen zu befriedigen und mit
etwaigen Ungleichheiten zu seinen persönlichen Ungunsten auszusöhnen.
Ähnlich zeigt sich allgemein die Herrschaft des Individualismus in
dem sozialistischen Gesellschaftsplan. Es fehlt z. B. das Verständnis für
die Bedeutung der Berufsstände, für die Überlieferung spezieller geistiger
und ethischer Werte in ihnen. Wir erinnern an Bebels Utopie: für die
Würde der Arbeit hat sie kein Verständnis; sie kennt keinen Wunsch der
Hingabe an sie; sie kennt überhaupt nichts Überindividuelles. Ihr Ideal
ist möglichst wenig Arbeit, weil von der Arbeit als selbstverständlich und
unvermeidlich vorausgesegßt wird, daß sie innerlich „leer“ ist, und möglichst
 viel Muße, und zwar lediglich für die persönliche Bequemlichkeit
und Annehmlichkeit, mag diese auch geistige Güter zum Inhalte haben.
Die. ausgesprochene Leere dieses Ideals erscheint als eine Projektion des
eigenen inhaltsarmen Lebens der Arbeitermassen. Es ist dabei die besondere
 Färbung der Gemeinschaft bei der Arbeiterklasse zu beachten:
die Gemeinschaft beruht hier auf Wesens- und Schicksalsgleichheit, ist

1) Othmar Spann, Gesellschaftslehre? S. 159 fg.
            
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