Die kulturelle Gruppe: Volk, Stamm und Nation. 465
den und damit ein Staatsethos offenbaren, Anteil an den geistigen Wer-
ten; und die kulturelle Gemeinschaft umfaßt auch wesentlich die Gemein-
schaft des wirtschaftlichen und technischen Lebens und damit Gebiete der
Nüglichkeit.
Das Wort „Volk“ hat mindestens die vier folgenden verschiedenen Bedeutun-
gen. Erstens bedeutet es die unteren Schichten im Gegensag zu den oberen. Zweitens
versteht man darunter das bloße Substrat der Kultur oder des Staates. Bei dem
deutschen Volk z. B. denkt man in diesem Sinne an einen bestimmten seelischen
Typus. Man denkt etwa an das Blut oder die Rasse. Der Begriff hat also anthro-
pologischen oder völkerpsychologischen Sinn. Man sieht dabei ab von den Wechsel-
beziehungen, die das Wesen der Gesellschaft ausmachen, und denkt teils an ein Ganzes
schlechtweg teils an eine Summe oder einen Durchschnitt von Individuen. In diesem
Sinne spricht man wohl vom deutschen Volk im Gegensats zur deutschen Nation. Das
Volk bedeutet eine Naturgrund!age, während die Nation ein Kulturgebilde ist. Drittens
kann man Volk und Nation so unterscheiden, daß man bei dem Begriff Volk mehr an
die Lebensgemeinschaft denkt, bei dem Begriff Nation mehr an die Kulturgemeinschaft.
Der Begriff des Volkes ist insofern demjenigen des Stammes ähnlich. Auch die eben
erwähnte Betonung der unteren Schichten, der Bauern und Proletarier, klingt dabei an.
Das Volk ist durch die Lebensprozesse gegeben, während die Nation erst durch höhere
geistige Schöpfungen entsteht. Denkt man sich aus der Nation die höheren geistigen
Werte herausgenommen, so bleibt das Volk übrig. Viertens endlich versteht man
unter Volk eine Summe von kulturell verwandten Stämmen. Man kann in diesem
Sinne von einem indischen oder chinesischen Volk sprechen, wovon schon oben die
Rede war.
Anschließend noch eine Bemerkung über den Sinn des vieldeutigen Terminus
Volksgeist oder Volksseele. Man kann darunter verstehen erstens den Träger der
Bewußtseinsinhalte einer Nation, z. B. ihres sittlichen Gesamtwillens oder ihrer na-
tionalen Weltanschauung. Zweitens kann der gesamte Schatz der seelischen Kräfte
eines Volkes darunter verstanden werden; so wenn man im Siune der Romantik von
dem Reichtum der Volksseele spricht, aus der sie ihre Lieder und Epen geschaffen habe
— oder von den schlummernden Kräften, die in einem nationalen Erhebungskrieg zum
Leben erwacht und zur Geltung gekommen sind. In diesem Falle ist unter der
Volksseele die Summe der individuellen Anlagen betrachtet unter dem Gesichtspunkte
des Wertes verstanden. Die Begriffsbildung beruht also auf einem Summationsprozeß.
Drittens kann diese statt dessen auch auf der Bildung eines Durchschnittswertes be-
ruhen. So wenn man sagt, daß der Abendländer die japanische Volksseele nicht kennt.
Hier ist offenbar an die durchschnittlichen Eigenschaften und Eigentümlichkeiten der
einzelnen Volksangehörigen gedacht.
Literatur: Alfred Ammon, Nationalgefühl und Siaatsgefühl. W al-
demar Mitscherlich, Nationalstaat und Nationalwirtschaft (beides kurze Ar-
beiten). Waldemar Mitscherlic h, Der Nationalismus Westeuropas (eine vor-
wiegend historische Darstellung der Entwicklung der Nationalgemeinschaft in West-
europa). Vgl. auch Othmar Spann, Gesellschaftslehre, Zweite Auflage, Berlin
1923, S. 469 fig. Ferner: „Nation und Nationalität“: Jahrbuch f. Soziologie, Erster
Ergänzungsband, Stuttgart 1927. S. R. Steinmetz, De Nationaliteiten in Europa,
Bd. I: Zuiden Ost-Europa, 1920. (Auch das eben genannte Sammelwerk enthält einen
Aufsatg desselben Vf. über dieses Thema.)
Vierkandt. Gesellschaftslehre.