470 Die wichtigsten historischen Formen der Gruppe.
willige Hilfe teils durch Vereine, also durch außerstaatliche Organisation.
— Wenn der Begriff des Staates, wie wir sahen, wenigstens in dem einen
Sinne ein Relationsbegriff ist, so ist derjenige der Gesellschaft ein Sub-
stanzbegriff.
Wie unterscheiden sich Gesellschaft (immer als Gegenbegriff zum Staate
gedacht) und Nation voneinander? Sind beides etwa nur zwei verschiedene Wör-
ter für denselben Begriff? Das Substrat ist bei beiden dasselbe (wenn wir annehmen,
daß die Grenzen der Nation sich mit denjenigen des Staates decken), und auch der
Hauptinhalt des Gedachten ist der gleiche. Gleichwohl handelt es sich um zwei
verschiedene, wenn auch eng verwandte Begriffe, weil die Auffassung des realen
Gegenstandes bei beiden nicht ganz dieselbe ist. Bei dem Begriff der Nation tritt
der Begriff der Wechselbeeinflussung verhältnismäßig zurück, wennschon er nicht ganz
auszuschließen ist. Die Nation erscheint verglichen mit der Gesellschaft mehr als ein
einziges Ganzes, während bei dem Begriff der Gesellschaft überall der Gedanke der
Zusammensegung aus einzelnen Bestandteilen und derjenige ihrer Wechselwirkung im
Vordergrund steht. Man spricht in diesem Sinne z. B. von der modernen Gesellschaft
oder von den Lügen der Gesellschaft, aber nicht von denen der Nation. Bei der
Nation steht ferner die Beziehung auf die Kultur, namentlich ihr Wertbewußtsein im
Vordergrund: die Nation hat ein Kulturgut und ist stolz darauf; die Gesellschaft
trägt ein Kulturgut und ist (als Träger der Moral) dafür verantwortlich. Endlich
wird das Wort Nation gern im differentiellen Sinne gebraucht, bei der Unterscheidung
einer Nation von anderen Nationen; während der Begriff Gesellschaft hiervon absieht
und dafür dem des Staates oder Individuums entgegengestellt wird. So wird nach der
üblichen Ausdrucksweise die Moral getragen von der Gesellschaft, weil man bei ihr in
der Regel nicht an die eigentümlichen Eigenschaften der einzelnen Nationen denkt;
die Sprache aber wird getragen von der Nation, weil man bei ihr an den Gegensaß
zu anderen Nationen denkt. Wo dieser Gegensag auch bei der Betrachtung der
Moral zur Geltung kommt, ändert sich der Sprachgebrauch entsprechend; die Gloire
oder den Cant bezeichnen wir als ein Erzeugnis der französischen oder englischen
Nation und nicht der französischen oder englischen Gesellschaft.
Endlich ist der Gruppencharakter bei beiden Sozialgebilden verschieden stark ent-
wickelt. Die Nation tritt vielfach als Einheit auf: sie führt ihre Kämpfe und erlebt
ihre Schicksale auf geistigem und politischem Gebiet als Gruppe mit dem entsprechen-
den Selbstgefühl, Lebensdrang und Machtwillen der Gruppe. Dagegen die Gesellschaft
betätigt sich vorwiegend als bloßes Kollektivum: ihre Billigungen und Mißbilli-
gungen, ihre Bestrebungen und Organisationen sind mehr diejenigen einer Vielheit von
Personen, die sich aus bestimmten Anlässen zusammenschließen denn diejenigen einer
Gruppe; sie haben mehr gemeinsamen als gemeinschaftlichen Charakter.
Staat und Gesellschaft heben sich umsomehr voneinander ab, je mehr wir uns
von der Einfachheit der anfänglichen genossenschaftlichen Organisation entfernen. Der
moderne Staat ist durch ein Höchstmaß von objektivem Charakter gekennzeichnet.
Das Gruppenselbstgefühl, der Lebensdrang der Gruppe und der Ausbau ihrer Lebens-
ordnung sind nirgends so hoch entwickelt wie bei ihm und lassen ihn insoweit dem
Idealtypus der Gruppe am nächsten von allen Gruppen kommen. Gehen wir aber in
der Geschichte zurück, so vermindert sich bekanntlich diese Objektivität seines Cha-
rakters. Und in besonderem Maße gilt dies, wenn wir bis zur genossenschaftlichen
Organisation herabsteigen. Der einfache Häuptling ist mehr oder weniger von dem
guten Willen seiner Genossen abhängig. Erst die herrschaftliche Organisation schafft
durch den Ausbau fester Institutionen und die stärkere Ausbildung der äußeren Macht