476 Die wichtigsten historischen Formen der Gruppe.
amtentums. Für patriarchalische Verhältnisse liegt die Richtigkeit dieses
Sayes auf der Hand. Für die moderne Zeit könnte der durchgearbeitete
Rechtscharakter des Beamtenverhältnisses zunächst darüber täuschen und
ein bloßes Rechtsverhältnis vorspiegeln. Allein schon unsere Moral ver-
langt vom Beamten, daß er mehr leistet als eben an den Disziplinar-
strafen vorbeizuschlüpfen. Wenn sogar das Disziplinarrecht von ihm
Gehorsam und Treue verlangt, so liegt namentlich in dem legteren Be-
griff selbst schon der Hinweis auf Pflichten rein sittlicher Art. Das Be-
amtenverhältnis bedeutet so eine Mischung von patriarchalischen und
rechtlichen Eigenschaften. Sein von der Gesellschaft wie von den Be-
teiligten selbst ihm zugewiesener (freilich nicht überall gleich stark
realisierter) Sinn ist der, daß der Beamte seine ganze Persönlichkeit
in den Dienst der Sache stellt, während das Recht nur ein erzwingbares
Minimum von Leistungen fixiert. Dasselbe ergibt ein Blick auf den inne-
ren Sachverhalt: der Beamte fühlt sich als Träger der staatlichen Macht
oder des Staates selber. Er hat diesen in sein erweitertes Ich aufgenom-
men. Dadurch fühlt er sich zugleich mit den übrigen Beamten innerlich
verbunden, von denen dasselbe gilt. — Die Gesamtheit der Bürger wird
in den modernen Verhältnissen entsprechend dem Wesen der hier be-
stehenden abstrakten Gruppengemeinschaft ($ 19,,) wenigstens von einer
stärkeren Welle des Gemeinschaftsbewußtseins nur noch in besonderen
Zeiten, in Zuständen besonderer Erregung und Erhebung erfaßt. Man
darf aber bei Beurteilung der Sachlage nicht nur an das Oberflächenleben
der Seele denken, an ihre bemerkten oder gar nur ihre betonten Inhalte.
Im Tiefenleben der Seele ist eine Gemeinschaftshaltung in Gestalt von
Dispositionen und allerlei überstrahlenden Gefühlstönen in der ganzen
Breite der Bevölkerung dauernd als wirksam anzunehmen. Namentlich
die Bereitschaft zur solidarischen Bekämpfung drohenden Übels in den
öffentlichen Zuständen ($ 32,,) legt hierfür ein beredtes Zeugnis ab.
5. Die Nationen bilden wieder unter sich eine Gesell
schaft höherer Ordnung, wie dies ähnlich und doch wieder
in abweichender Weise meist bei befreundeten Stämmen der Fall ist.
Früher erstreckte diese sich nur über Westeuropa, heute hat sie eine
Tendenz sich über den ganzen Erdteil oder noch weiter auszudehnen.
Die durchgängige Existenz der Feindschaft und gelegentlich .des Krieges
unter ihnen hebt diese Tatsache nicht auf. Im Frieden stehen die
verschiedenen Staaten vorwiegend in einem Rechtsverhältnis zueinander,
und der Krieg zwischen ihnen gehört zu den geregelten Kampfverhält-
nissen. Durchweg bewahren die Verhältnisse wegen ihrer Geregeltheit
den Charakter gesellschaftlicher Verhältnisse; nur zum geringen Teil
findet die Macht so rücksichtslose Anwendung, daß man von einem außer-