Der Unterordnungstrieb.
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treffend gekennzeichnet mit den Worter: „Ein schüchterner Mensch fürch-
tet die Beobachtung Fremder; aber man kann nicht sagen, daß er sich
vor ihnen fürchtet‘).
2. Den Zustand, der den Schüchternen befällt, wenn er aus sich
herausgehen und selbständig auftreten soll, während er sich innerlich
dagegen sträubt, bezeichnen wir als Verlegenheit. Einen beson-
deren Fall der Verlegenheit bildet das Lampenfieber, das bekanntlich be-
sonders den Neuling gern beim Auftreten vor einer Masse, insbesondere
beim Reden vor ihr ebensogut wie beim Besuch eines Balles befällt. Die
Masse wird hier als ein überlegenes Ganzes empfunden; ihrer Beachtung
und Beurteilung soll sich der Schüchterne stellen und dagegen sträubt sich
etwas in ihm. Ähnlich sträuben sich Kinder oft dagegen, eine Leistung,
die sie für sich allein zu vollbringen vermögen, vor Zuschauern auszufüh-
ren; Bedingung ist wohl immer dabei, daß sie sich ihrer Sache nicht ganz
sicher fühlen. Auch die bekannte Verlegenheit beim Examen tritt wohl
nur bei einem Gefühl innerer Unsicherheit auf. Es entspringt dies Ge-
fühl aber nicht einem tatsächlichen Unvermögen und dessen mehr oder
weniger klarem Bewußtsein (in diesem Fall ist das Verhalten von anderer
Art); sondern die Unsicherheit ist unbewußt, auch nicht rational be-
gründet in einem etwaigen tatsächlichen Unvermögen, sondern sie be-
ruht auf gewissen Hemmungen; es liegt also ein verdrängtes Schwäche-
bewußtsein zugrunde. Das Legtere gilt allgemein für den Zustand der
Verlegenheit. Die bloße Situation, daß jemand vor einem Überlegenen
auftreten und sein Können erweisen soll, ruft an sich, d. h. bei gesundem
Selbstgefühl und genügendem Können, keine Verlegenheit hervor. Es
müssen vielmehr, wo die objektiven Bedingungen für ein erfolgreiches
Auftreten gegeben sind, besondere Umstände innerer Natur von der
eben angedeuteten Art hinzutreten.
Von andern Situationen, die den Zustand der Verlegenheit hervorrufen, wird
weiter unten ($ 5.11) die Rede sein.
3. Vor allem ist aber der phänomenologische Befund,
also das, was wir unmittelbar in uns erleben und uns mit Evidenz zum
Bewußtsein bringen können, grundverschieden. Die Furcht wirkt läh-
mend auf unseren ganzen Organismus innerlich wie äußerlich, bei starker
Erregung bis zur Ohnmacht. Zur Erläuterung denke man etwa an die
Schilderung der Prügelschule in Dickens’ David Copperfield: alle rück-
sichtslose Häufung der Strafen hat schließlich zur Folge, daß die steten
gewaltsamen Eingriffe in die Seelen es zu keinem ernsthaften und gründ-
lichen Lernen kommen lassen. Die Einsicht in den Sachverhalt wird frei-
X) Darwin. Ausdruck der Gemütsbewegungen (Verlag Hendel). S. 290.