Full text: Gesellschaftslehre

Der Unterordnungstrieb. 
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Haltung abgeschwächt, zum Teil durch Kräfte entgegengeseßter Art ge- 
hemmt. Namentlich enthält unser Klassenwesen mit seinen Klüften die Möglich- 
keit weitgehender Lähmungen in sich. Eine Tendenz zur Gemeinschaft besteht an 
sich, abgesehen von solchen Hemmungen, auch hier. Ein Musikjünger, der einen 
fremden Meister anschwärmt, bringt ihm sein ganzes Ich entgegen und fühlt sich von 
dem leisesten Tadel, der dem Meister gilt, selber getroffen. Die charakteristische 
Erscheinung der Nachahmung finden wir auch bei ihm. (Näheres $ 10.) 
Außer der Nachahmung verbinden sich mit der Unterordnung 
typischerweise, wie wir später ($ 9 und 11) sehen werden, auch die Ge- 
fühlsübertragung und die verbale Beeinflussung. Alle diese Verhaltungs- 
weisen kommen zusammengefaßt hinaus auf unbedingte Folgsam- 
keit, und zwar nicht im passiven Sinne des Sklavengehorsams, sondern im 
aktiven der eifervollen Hingabe. Nach der inneren Seite besteht das charak- 
teristische Verhalten darin, daß sich der Abhängige innerlich blindlings 
abhängig macht. Er unterwirft sich ganz dem Urteil, insbesondere dem 
Werturteil des Überlegenen: aus seiner Hand empfängt er seinen Wert, 
indem er nach seinen Maßstäben sein Verhalten regelt und dadurch sein 
Selbstgefühl befriedigf. Es wird der Untergeordnete gleichsam aufgesogen 
von dem Überlegenen: er verliert seine Persönlichkeit, findet aber in 
der Gemeinschaft mit dem Überlegenen eine neue wieder, die er als seine 
geläuterte eigene empfindet. Es ist dabei sowohl an unpersönliche wie 
an persönliche Verhältnisse zu denken. Das Wesen der sittlichen Freiheit 
fügt sich dem Gesagten ebensogut ein wie die Unterordnung des Künst- 
lers oder Denkers unter die ästhetischen oder logischen Normen: der 
Mensch ist hier bei jedem Schritte gebunden, aber diese Gebundenheit er- 
lebt er als innere Freiheit, weil sie die Entfaltung derjenigen Wesenszüge 
in ihm bedeutet, die er als seine wertvollsten empfindet. — Sowohl der 
persönliche wie der objektive Sinn unseres Triebes läßt sich dahin zu- 
sammenfassen: er bedeutet das Aufgehen in einem Größeren und beugt 
dadurch dem Atomismus vor, jedoch so, daß dabei Selbständigkeit und 
Entfaltungsfreiheit gewahrt bleiben. 
4. Die Haltung der Unterordnung tritt nach ihrem Wesen nicht für 
sich allein auf. Sie ist vielmehr von Haus aus wesenhaft mit dem Selbst- 
gefühl verbunden (so zwar, daß dieses dabei im Hintergrunde des Be- 
wußtseins bleibt). Nur in besonderen tatsächlichen Verwicklungen von 
hemmender Wirkung kann sich dieser beigesellte Trieb abschwächen bis 
zum völligen Schwinden. Kehren wir noch einmal zum vorhin heran- 
gezogenen Beispiel des Kindes zurück, das seine Jüngeren Geschwister 
über die gebührenden Formen aufklärt. In dem Ton der Überlegenheit 
und Selbstbefriedigung, in dem dies geschieht, spricht sich bereits deut- 
lich der Einschlag des Selbstgefühls aus: das Kind fühlt sich mit dem 
Hause eins und dadurch gehoben. In demselben Verhältnis steht der
	        
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