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70 Die sozialer Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
leben. Dieses steht dabei zu unserem sonstigen Leben freilich in einem
salchen Gegensag, daß man daraus vielfach den irrigen Schluß gezogen
hat, unser Trieb sei von Hause aus auf das Familienleben beschränkt.
Zweitens beobachten wir auch bei uns eine impulsive Hilfsbereitschaft bei
Unfällen leichter und schwerer Art. Bei Katastrophen, die ganze Städte
vernichten, erlebt man auch in unsern Verhältnissen vorübergehend einen
Zustand umfassender gegenseitiger Hilfsbereitschaft und vielfach weit-
reichender Opferwilligkeit. Drittens zeigt sich allgemein Hilfsbereitschaft
hei uns in Gestalt von kleinen Gefälligkeiten, wie dem Feuerabgeben
beim Rauchen oder der Befolgung der Bitte um Auskunft über den Weg.
Selbst der zugeknöpfte und gehegßte Großstädter wird die legte Bitte
selten unerfüllt lassen. Endlich sind sich wohl alle zuständigen Beur-
teiler darin einig, daß sich bei den sogenannten kleinen Leuten ein großes
Maß gegenseitiger Hilfswilligkeit zeigt, z. B. beim Warten der Kinder,
beim Entleihen von Geschirr u. a. m.
Nach seinem Ursprung wurde das Verhalten früher im Zusammen-
hang individualistischer Gesamtanschauungen für eine erworbene Eigen-
schaft gehalten. Tatsächlich kann kein Zweifel am Gegenteil sein. Wenn
schon gesellige Tiere unseren Instinkt zeigen, so ist kein Einwand da-
gegen möglich, daß er auch dem Menschen zu eigen ist. Positiv spricht
für den Instinktcharakter besonders die bekannte Erscheinung der Mut-
terliebe mit ihrer elementaren Stärke und ihrer völligen Umwandlung
des ganzen Menschen. Auch eine biologische Erwägung drängt sich auf:
wie wäre die Aufzucht der Kinder, besonders in einfachen Verhältnissen,
auf tieferen Kulturstufen, denen es im Vergleich zu uns an Reflexion
und Voraussicht fehlt, sonst möglich. Wir haben es also mit einem an-
geborenen Triebe zu tun. Seine Betätigung kann natürlich durch ent;
gegenstehende Interessen eingeschränkt oder aufgehoben werden. An-
derseits wirkt begünstigend auf sie die innere Nähe des Bedürftigen, das
Bewußtsein der Zusammengehörigkeit oder der Gemeinschaft. Hier
seien über diese Beziehungen nur ein paar Bemerkungen gemacht.
3. Vorher aber ein Wort über die verschiedene Stärke
unseres Triebes bei verschiedenen Subjekten. Auf die Verschiedenheit
der Geschlechter weisen wir nur hin. Bekannt ist auch der Unterschied
von Jugend und Alter. Im allgemeinen ist wenigstens in unseren Ver-
hältnissen die Jugend bekanntlich mehr zum Nehmen als zum Geben
geneigt, während sich mit zunehmendem Alter das Verhältnis nach der
entgegengeseßten Seite verschiebt. Diese Verschiebung ist sowohl bio-
logisch begreiflich wie psychologisch verständlich. Die Jugend, die sich
noch entwickeln und entfalten soll, hat genug mit sich selbst zu tun,
während im Alter ein größerer Spielraum vorhanden ist und sich wohl