Full text: Gesellschaftslehre

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74 Die sozialer-Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
Der Samariter, der sich des Beraubten ohne jede Beziehung zu ihm an- 
nimmt, repräsentiert den einen, die Soldaten im Felde, die den jeweilig 
Verwundeten helfen und jeden Tag selbst in die gleiche Lage kommen 
können, den anderen Typus. Die erstere Form entspricht den populären 
Vorstellungen von Barmherzigkeit und Humanität; die zweite rückt die 
populäre Denkweise gern in eine falsche Beleuchtung, indem sie von 
einem Kollektivegoismus spricht. Die Irrtümlichkeit dieser Vorstellung 
deckt eine phänomenologische Analyse auf, die wir später ($ 32, „) voll- 
ziehen. Gewiß besteht ein Unterschied zwischen beiden Formen; er ist 
jedoch mehr ein solcher des Grades als des Wesens. Demgemäß gibt es 
auch keine scharfe Grenze zwischen beiden. Der erste Typus tritt in 
reiner Form nur bei flüchtigen äußeren Berührungen ein. Wo dagegen 
ein wirkliches gesellschaftliches Verhältnis zwischen dem Helfer und 
seinem Schügling besteht oder entsteht, da gehen von dem Beschügßten 
mindestens fördernde Rückwirkungen innerer Art auf den Helfer zurück, 
womit eine Gegenseitigkeit, wenn auch innerer statt äußerer Art, gegeben 
ist. Die Mutterliebe gehört z. B. ganz diesem Typus an. Bei diesem 
Typus besteht dann weiter ein Unterschied zwischen persönlich und über- 
persönlich begründeten Beziehungen, Im ersten Fall gilt die Hilfsbereit- 
schaft nahestehenden Menschen (z. B. den Familienangehörigen) als 
solchen, im andern Fall der eigenen Gruppe als einem Ganzen und ein- 
zelnen Personen nur soweit sie Träger der Gruppe sind. (Näheres über 
diesen Unterschied $ 19,,.) 
7. Zum Schluß eine kurze Bemerkung über die innere Seite des Hilfs- 
verhältnisses. Sie hat Bezug auf den Grundgedanken dieses ganzen Kapitels, wonach 
alle sozialen Erlebnisse durch eine spezifische innere Verbundenheit der Partner 
gekennzeichnet sind. Wird eine solche auch beim Hilfstrieb erlebt? In der Tat, wo 
ein Kreis von Menschen oder auch ein einzelner einem andern hilft, z.B. ein Kolle- 
gium einem von einer Beschwerde bedrohten Mitgliede zu Hilfe kommt, oder auch 
nur jemand einem Unbekannten mit einer Auskunft über den Weg hilft, da kann 
man als Beteiligter etwa Derartiges an sich selbst erfahren, Es ist, als ob mit einem 
Ruck eine Art Annäherung und Verbundenheit in solcher Situation eintritt, und 
zwar auf beiden Seiten. Es gibt wahrscheinlich keine Hilfserweisung, ohne daß ein 
derartiges Gefühl, sich auf den Andern verlassen zu können, gesichert und geborgen 
zu sein, beim Empfangenden und ein verwandtes Gefühl beim Gebenden eintritt 
kurz, ohne daß eine Art Brücke zwischen beider Seelen geschlagen wird. — Wo 
die Beteiligten in einem Gemeinschaftsverhältnis zueinander stehen und es sich um 
eine gemeinschaftliche Angelegenheit handelt, tritt das Erlebnis mit besonderer 
Stärke und Deutlichkeit auf. indem das Wirbewußtsein der Gruppe ($ 18. 1) aktuali- 
siert wird.
	        
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