Full text : Gesellschaftslehre

bp.

78 Die sozialen. Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.

Verhältnissen einen Trieb zum Meiden auslöst ($ 18, ;) oder den Kampfinstinkt
 in Bewegung segt. Daß im legteren Fall gerne eine Schuld bei dem
Schwachen gefunden wird, die ein Recht zum Kampf gibt, entspricht natürlich
 der allgemeinen menschlichen Neigung zur Ideologie. Und zwar
kann sich der Kampftrieb sowohl in individueller wie in kollektiver
Form betätigen: das legtere, falls der Anstoß erregende Gegenstand als
Schädigung für die Gruppe empfunden wird. Das Ausstoßen aus dem
Stamm hat hierin wahrscheinlich seine legte Wurzel. Es weist auf verwandte
 Erscheinungen bei geselligen Tieren hin, nämlich die Tötung
kranker und schwacher Tiere durch die übrigen, falls wir diese als sichergestellt
 betrachten dürfen. Zum Teil tritt der Kampftrieb jedenfalls auch
aus Funktionsbedürfnis in Tätigkeit. Daß er sich in diesem Falle besonders
 gegen den Schwachen richtet, ist begreiflich, weil dieser das bequemste
 Ziel für ihn darstellt, besonders bei solchen Menschen, die ihrerseits
 selbst irgendwie schwach sind und für den Mangel ihrer Behauptungsfähigkeit
 nach einem Ausgleich verlangen. „Menschen, die sich in
der Gesellschaft nicht sicher fühlen“, sagt Niegsche!), „benugßen jede Gelegenheit,
 um an einem Nahegestellten, dem sie überlegen sind, die Überlegenheit
 öffentlich, vor der Gesellschaft zu zeigen, zum Beispiel durch
Neckereien.“ Man denke auch an den bekannten Zusammenhang zwischen
dem Kriechen nach oben und dem Treten nach unten. Auch der Typus
des Sündenbocks, sowohl historisch in mancherlei Formen des Gruppenlebens
 verkörpert wie im persönlichen Leben täglich zu beobachten, gehört
 hierher: „Der Mensch, dem etwas mißlingt, führt dieses Mißlingen
lieber auf den bösen Willen eines anderen als auf den Zufall zurück. Denn
an Personen kann man sich rächen, die Unbilden des Zufalls muß man
hinunterwürgen“?),

3. Die Funktionslust, d. h. die reine Freude am Kampfe um
seiner selbst willen, ist überhaupt von großer Bedeutung für die weite
Verbreitung des Kampfes. Wie nichtig ist oft der Anlaß zu einem heftigen
 und erbitterten Streit. Die Erklärung liegt hier in dem Satz: Wo
kein Zündstoff vorhanden ist, da wird er irgendwie hergestellt. Das gilt
besonders von den Fällen, in denen die Gelegenheit zum Kampfe erst
aufgesucht wird, wie bei den Kirmesfesten unserer Bauern. Auf Funktionslust
 beruht auch der verbreitete „leise, oft kaum bewußte, rasch verfliegende
 Anreiz, einer Behauptung oder Aufforderung, namentlich wenn
sie uns in kategorischer Form entgegentritt, die Verneinung entgegenzusegen“.
 (Simmel.) Ebenso enthält der Kordeliatypus einen Hauch von
Funktionslust in sich. Auch jene Oppositionsnaturen sind anzuführen.

1) Menschliches, Allzumenschliches I Nr. 329.
2) Ebenda Nr. 370.
            
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