Die Frühromantik.
so mußte denn um 1750 der Individnalismus wieder noch
einmal als besonders verstandesmäßig erscheinen.
Nun wissen wir, wie die neue Zeit nach 1750 eben hiergegen
besonders starke Gegenwirkungen liebte; was bezeichnen nicht
auch nur die Worte Empfindsamkeit und Sturm und Drang
in diesem Zusammenhange! Aber auch als sich aus diesen der
Klassizismus des ausgehenden 18. Jahrhunderts entwickelte,
blieb es bei dieseni besonderen Wesen. In dem zarten Bereiche
der geistigen Keime und Blüten, die diese Zeit vornehmlich
aufwies, entwickelte sich die bildende Kunst am wenigsten; schon
ihr Naturalismus war sehr schüchtern gewesen; ihre Mittel,
selbst die Farbe, waren zu spröde gegenüber dem spezifisch
spiritualistischen Wesen; und in der abgezogenen Form der
Kartons mit ihren blassen Umrissen ist sie wohl der Zeit selbst
etwas gewesen, hat aber zum Unterbau einer neuen, subjek⸗
tivistischen Kunst wenig beigetragen. Wie ganz anders stand
es dagegen mit der weit spiritualistischeren Dichtung. Sie be—
herrschte bis zum Schluß des Jahrhunderts große Teile der
Entwicklung überhaupt; und ihr Werkzeug, die Sprache, wurde
neuen Zielen und einer edleren Phantasie in einer Weise dienstbar
gemacht, die über die Neubildung bloßer Mittel der bildenden
Kunst unendlich hinausging. Dennoch ist in der Gesamtentwick⸗
lung auch der Dichtung noch nicht der höchste Preis zugefallen,
sondern der Musik. Schon das war für sie von besonderem
Vorteil, daß sie in Rhythmus wie Harmonie und Tonbildung
sich ganz allein angehörte; die Antike hat auf sie nur vorüber—
gehenden Einfluß gehabt. Dann aber kamen die Zeiten, da
sie, mit Beethoven vor allem, nicht bloß die Führung der
Künste übernahm, nicht bloß, sogar in politischen Dingen!,
Zeitausdruck von höchster Bedeutung wurde, sondern in einem
immer reißender vorwärts stürmenden Gefühlsleben selbst
Empfindungsformen der zweiten subiektivistischen Veriode schon
vorwegnahm.
Und so wahrte denn eben die Musik die Reaktionsgefühle
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S. Band IX S. 338 f.