Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2.  Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Fondsbörse.

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und  auch  in  Deutschland,  allmählich  zu  einem  ungeheuren  Umfange  angewachsen.
Nach  einer  Schätzung  sind  in  Deutschland  nicht  weniger  als  100  000  Millionen  M  Wertpapiere ­
  vorhanden,  und  diese  kolossale  Summe  wächst  von  Jahr  zu  Jahr.  Es  ist
ganz  klar,  daß  aus  der  Verwaltung  eines  so  enormen  mobilen  Nationalvermögens
sich  täglich  die  allergrößten  Umsätze  ergeben.  Abgesehen  hiervon  werden  an  das
mobile  Kapital  von  allen  Zweigen  des  wirtschaftlichen  Lebens,  von  den  Staaten,
den  Gemeinden,  von  Handel,  Industrie,  Landwirtschaft  und  Schiffahrt  jahrein,  jahraus ­
  die  erheblichsten  Ansprüche  gestellt.  Diese  Ansprüche  werden  durch  die  eine
Zahl  illustriert,  daß  in  den  letzten  Jahren,  abgesehen  von  den  Konversionen,  jährlich
ca.  2000  Millionen  Jl  neue  Wertpapiere  an  den  deutschen  Börsen  zugelassen
worden  sind.*)
Von  wem  nun  aber  auch  der  Markt  des  mobilen  Kapitals  aufgesucht  werden
mag,  und  zu  welchen  Zwecken  dies  auch  geschehe,  alle,  die  es  tun,  haben  das  Verlangen, ­
  die  Zwecke,  denen  ihr  Angebot  oder  ihre  Nachfrage  dienen  soll,  möglichst
bald  sicherzustellen.  Ich  brauche  nur  daran  zu  erinnern,  daß  es  für  ein  industrielles
Werk  gar  nicht  möglich  ist,  eine  neue  Fabrik  zu  errichten  oder  sonstige  industrielle
Anlagen  herzustellen,  daß  es  für  eine  Eisenbahngesellschaft  ganz  unmöglich  ist,  eine
neue  Linie  zu  bauen,  daß  es  für  eine  Gemeinde  unmöglich  ist,  ein  Elektrizitätswerk
herzustellen,  daß  es  für  eine  Landschaft  unmöglich  ist,  ihre  höher  verzinslichen  Pfandbriefe ­
  in  niedriger  verzinsliche  zu  konvertieren,  daß  es  für  die  Staaten  unmöglich  ist,
ihre  Anleihen  zu  emittieren,  um  die  staatlichen  Zwecke  zu  erfüllen,  die  ihnen  obliegen,
wenn  sie  sich  nicht  gegen  die  Konjunkturen,  die  aus  den  wechselnden  Kursen  und
politischen  Verhältnissen  sich  ergeben,  von  vornherein  sicherstellen  können.  Wenn
hierbei  auf  die  vermittelnde  Tätigkeit  der  Banken  und  Bankiers  rekurriert  wird,  so
haben  doch  auch  diese  Mittelspersonen  wiederum  dasselbe  Interesse.  Auch  sie  müssen
die  Erfüllung  übernommener  Verbindlichkeiten  sicherstellen.
Der  Vau  der  deutschen  Eisenbahnen  im  Laufe  der  letzten  50—60  Jahre  hätte
niemals  in  so  sachgemäßer  und  dem  Interesse  des  ganzen  Landes  dienender  Weise
ausgeführt  werden  können,  und  unsere  Industrie  hätte  niemals  in  der  Weise  erstarken
können,  wie  dies  geschehen  ist,  wenn  ihnen  nicht  eine  tatkräftige  Börse,  unterstützt  durch
ein  tatkräftiges  Termingeschäft,  zur  Seite  gestanden  hätte.  Denn  die  großen  Aufgaben,
  die  ich  kurz  skizziert  habe,  lassen  sich  nicht  erfüllen  im  Wege  des  eng  begrenzten
Kassageschäfts,  im  Wege  eines  Geschäfts,  in  welchem  heute  die  Ware  und  heute  auch
das  bare  Geld  übergeben  werden  muß.  Diese  Aufgaben  erheischen  das  Eingehen
langsichtiger  Verbindlichkeiten;  und  hierzu  bedarf  es  einer  Geschäftsform,  in  welcher
die  Verpflichtung  zur  Erfüllung  sofort  sichergestellt  wird,  welche  aber  die  nötige  Zeit
und  den  nötigen  Spielraum  auch  läßt  zur  Beschaffung  und  Realisierung  der  erforderlichen ­
  Mittel.  Mit  einem  Worte:  Eine  leistungsfähige  Börse  bedarf  eines  leistungsfähigen ­
  Terminhandels.
Ich  möchte  hier  einschalten,  daß  wir  ähnliche  Dinge,  wie  in  den  letzten  Jahren,
schon  früher  einmal  erlebt  haben,  und  zwar  gerade  gelegentlich  des  Baues  der  deutschen ­
  Eisenbahnen.  Im  Jahre  1844,  als  sich  dem  deutschen  Kapital  die  Möglichkeit
eröffnete,  sich  an  der  Erfüllung  dieser  großen  wirtschaftlichen  Aufgabe  zu  beteiligen,
und  als,  wie  dies  bei  solchen  Gelegenheiten  immer  der  Fall  ist,  auch  Ausschreitungen
der  Spekulation  stattfanden,  erließ  der  damalige  Herr  Finanzminister  v.  Bodelschwingh
  eine  Bekanntmachung  gegen  die  stets  wachsende  Zahl  und  Ausdehnung  der

*)  Allein  an  der  Berliner  Börse  wurden  in  den  Jahren  1910  und  1911  6996  Millionen
Wertpapiere  neu  zugelassen.  Berliner  Jahrbuch  für  Handel  und  Industrie.  Bericht
der  Ältesten  der  Kaufmannschaft  von  Berlin.  Jahrgang  1911.  Bd.  1.  Berlin,  Georg  Reimer,
1912.  S.  574.  —  G.  M.
            
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